Ausbildungsordnung verstehen und Ausbildungsberufe auswählen (AEVO 1.4)

In welchem Beruf soll dein Betrieb ausbilden? Die Antwort steht nicht im Stellenplan, sondern ergibt sich aus dem Vergleich zwischen den Tätigkeiten im Betrieb und der Ausbildungsordnung des jeweiligen Berufs. Sie legt bundesweit fest, was ein Auszubildender lernen muss. Das Thema gehört zum Handlungsfeld 1 „Ausbildungsvoraussetzungen prüfen und Ausbildung planen“ der Ausbildereignungsprüfung (AEVO) und steht im Rahmenplan unter der Nummer 1.4.

Auf dieser Seite gehe ich die drei Punkte dieses Kompetenzbereichs durch: Ausbildungsberufe anhand von Ausbildungsordnungen auswählen, Möglichkeiten der Flexibilisierung nutzen und Aufbau, Funktion und Ziele einer Ausbildungsordnung erklären.

📘 Auf einen Blick

MerkmalInformation
PrüfungAusbildereignungsprüfung nach AEVO
Handlungsfeld1 – Ausbildungsvoraussetzungen prüfen und Ausbildung planen (20 von 115 Unterrichtseinheiten im Rahmenplan)
Kompetenzbereich1.4 – Ausbildungsberufe für den Betrieb auswählen und dies begründen
Schriftliche PrüfungHäufig: Mindestinhalte der Ausbildungsordnung, Unterschied zwischen Ausbildungsberufsbild, Ausbildungsrahmenplan und betrieblichem Ausbildungsplan
Praktische PrüfungMittel: Du musst zeigen können, wo deine Ausbildungssituation im Ausbildungsrahmenplan steht
Gilt fürAlle angehenden Ausbilder, unabhängig von Beruf und Branche

Warum ist die Ausbildungsordnung so wichtig?

Die Ausbildungsordnung ist die Grundlage für alles, was danach kommt: den betrieblichen Ausbildungsplan, jede einzelne Unterweisung und die Abschlussprüfung. Wer den falschen Beruf wählt, kann die vorgeschriebenen Inhalte nicht vermitteln oder bildet am eigenen Bedarf vorbei aus.

In der praktischen Prüfung fragt der Prüfungsausschuss regelmäßig, wo deine Ausbildungssituation im Ausbildungsrahmenplan steht. Du solltest die Ausbildungsordnung deines Berufs deshalb nicht nur kennen, sondern gelesen haben.

Was lernst du auf dieser Seite?

  • was ein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf ist
  • wie du den passenden Ausbildungsberuf für deinen Betrieb findest
  • welche Hilfsmittel es für die Auswahl gibt
  • welche Strukturmodelle und Wahlmöglichkeiten Ausbildungsordnungen bieten
  • welche fünf Punkte jede Ausbildungsordnung enthalten muss
  • welche Funktionen und Ziele eine Ausbildungsordnung hat

1. Ausbildungsberufe anhand von Ausbildungsordnungen auswählen

In Deutschland gibt es rund 320 staatlich anerkannte Ausbildungsberufe. Das Verzeichnis des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) für 2026 nennt 324. Für jeden dieser Berufe gibt es eine Ausbildungsordnung. Zwei Regeln aus § 4 BBiG solltest du kennen:

  • Für einen anerkannten Ausbildungsberuf darf nur nach der Ausbildungsordnung ausgebildet werden.
  • Jugendliche unter 18 Jahren dürfen grundsätzlich nur in anerkannten Ausbildungsberufen ausgebildet werden.

In sechs Schritten zum passenden Beruf

  1. Bedarf klären: Welche Tätigkeiten fallen im Betrieb an, und welche Fachkräfte fehlen künftig?
  2. Berufe suchen: Welche Ausbildungsberufe kommen dafür in Frage?
  3. Inhalte vergleichen: Deckt der Betrieb die Inhalte des Ausbildungsberufsbilds und des Ausbildungsrahmenplans ab?
  4. Lücken schließen: Was der Betrieb nicht vermitteln kann, lässt sich über Verbundausbildung oder überbetriebliche Lehrgänge abdecken.
  5. Dauer und Bewerber bedenken: Passt ein zwei-, drei- oder dreieinhalbjähriger Beruf, und welche Bewerber sind zu erwarten?
  6. Mit der Kammer abstimmen: Die Ausbildungsberatung prüft die Eignung des Betriebs und hilft bei der Entscheidung.

Hilfsmittel für die Auswahl

HilfsmittelWozu es dient
Verzeichnis der anerkannten Ausbildungsberufe (BIBB)Überblick über alle Berufe mit Dauer und Rechtsgrundlage
Ausbildungsordnung des Berufsverbindliche Inhalte, Dauer, Prüfungsanforderungen
Umsetzungshilfen „Ausbildung gestalten“ (BIBB)Erläuterungen und Beispiele zu einzelnen Berufen
BERUFENET der Bundesagentur für ArbeitBerufsbeschreibungen, auch für Bewerber verständlich
Europass-Zeugniserläuterungenkurze Beschreibung der Fähigkeiten eines Berufs in mehreren Sprachen, hilfreich für Bewerbungen im Ausland
Ausbildungsberatung der Kammerpersönliche Beratung zu Berufswahl und Eignung

Ausbildung von Menschen mit Behinderung

Menschen mit Behinderung sollen grundsätzlich in anerkannten Ausbildungsberufen ausgebildet werden. Ihre besonderen Verhältnisse werden berücksichtigt, zum Beispiel bei der zeitlichen Gliederung der Ausbildung oder durch Hilfsmittel in der Prüfung (Nachteilsausgleich). Nur wenn eine reguläre Ausbildung wegen Art und Schwere der Behinderung nicht in Betracht kommt, erlassen die zuständigen Stellen besondere Ausbildungsregelungen, die aus den Inhalten anerkannter Berufe entwickelt werden. Sie führen häufig die Bezeichnung „Fachpraktiker“.

2. Flexibilisierungsmöglichkeiten nutzen

Ausbildungsordnungen sind unterschiedlich aufgebaut. Je nach Strukturmodell kann der Betrieb die Ausbildung an seine Schwerpunkte anpassen:

StrukturmodellBedeutungBeispiel
Monoberufeinheitliche Ausbildung ohne SpezialisierungBerufskraftfahrer
Fachrichtungendeutliche Spezialisierung mit eigenen Prüfungsanforderungen, im Zeugnis ausgewiesenFachinformatiker
SchwerpunkteVertiefung in einem TeilgebietKfz-Mechatroniker, zum Beispiel Schwerpunkt Nutzfahrzeugtechnik
Wahlqualifikationender Betrieb wählt aus einem Katalog von BausteinenKaufmann für Büromanagement
EinsatzgebieteVertiefung im betrieblichen EinsatzbereichIndustriemechaniker
Aufbauende Berufeein zweijähriger Beruf wird auf einen dreijährigen angerechnetFachlagerist und Fachkraft für Lagerlogistik
Zusatzqualifikationenin der Ausbildungsordnung festgelegte zusätzliche Inhalte, die gesondert geprüft werdenindustrielle Metall- und Elektroberufe

Dazu kommt Spielraum bei der Umsetzung. Von der sachlichen und zeitlichen Gliederung des Ausbildungsrahmenplans darf der Betrieb abweichen, wenn betriebliche Besonderheiten das erfordern. Die Inhalte selbst müssen aber vollständig vermittelt werden. Weitere Möglichkeiten sind Verkürzung, Teilzeitausbildung und Ausbildungsabschnitte im Ausland.

3. Aufbau, Funktionen und Ziele der Ausbildungsordnung

Eine Ausbildungsordnung ist eine Rechtsverordnung des Bundes. Sie gilt in ganz Deutschland einheitlich. Nach § 5 BBiG muss sie mindestens fünf Punkte festlegen:

MindestinhaltBedeutung
Bezeichnung des Ausbildungsberufsder staatlich anerkannte Name des Berufs
Ausbildungsdauersie soll nicht mehr als drei und nicht weniger als zwei Jahre betragen; einzelne Berufe dauern dreieinhalb Jahre
Ausbildungsberufsbilddie Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten, die mindestens zu vermitteln sind, als Übersicht
Ausbildungsrahmenplandie Anleitung zur sachlichen und zeitlichen Gliederung der Ausbildung
Prüfungsanforderungenwas in Zwischen- und Abschlussprüfung verlangt wird

Drei Begriffe werden in der Prüfung oft verwechselt:

  • Das Ausbildungsberufsbild listet auf, was zu vermitteln ist.
  • Der Ausbildungsrahmenplan gliedert diese Inhalte sachlich und zeitlich. Er gilt für alle Betriebe.
  • Der betriebliche Ausbildungsplan setzt den Ausbildungsrahmenplan im einzelnen Betrieb um. Ihn erstellt der Ausbildende. Das gehört zum Handlungsfeld 2.

Die Ausbildungsordnung beschreibt Mindestanforderungen. Der Betrieb darf mehr vermitteln, aber nicht weniger.

Funktionen und Ziele

  • Einheitlichkeit: Überall in Deutschland wird nach denselben Mindestinhalten ausgebildet.
  • Qualität und Schutz: Auszubildende haben Anspruch auf eine vollständige Ausbildung und werden nicht als billige Arbeitskräfte eingesetzt.
  • Vergleichbarkeit: Arbeitgeber wissen, was ein Abschluss bedeutet. Das erleichtert den Wechsel zwischen Betrieben.
  • Grundlage für die Prüfung: Geprüft wird, was in der Ausbildungsordnung steht.
  • Abstimmung mit der Berufsschule: Der Rahmenlehrplan baut auf der Ausbildungsordnung auf.

Ziel jeder Ausbildungsordnung ist die berufliche Handlungsfähigkeit: eine breite Grundbildung, darauf aufbauend die Fachbildung und die Fähigkeit, sich auf Veränderungen im Beruf einzustellen.

Praxisbeispiel aus dem Kraftverkehr

Ein Logistikunternehmen mit Fuhrpark, Lager, Disposition und eigener Werkstatt möchte erstmals ausbilden. Die Geschäftsführung bittet den Fuhrparkleiter um einen Vorschlag.

Bereich im BetriebPassender AusbildungsberufDauer
FuhrparkBerufskraftfahrer3 Jahre
Disposition und VerwaltungKaufmann für Spedition und Logistikdienstleistung3 Jahre
LagerFachkraft für Lagerlogistik oder Fachlagerist3 oder 2 Jahre
WerkstattKfz-Mechatroniker, Schwerpunkt Nutzfahrzeugtechnik3,5 Jahre

Er vergleicht die Ausbildungsrahmenpläne mit den Tätigkeiten im Betrieb. Bei den Berufskraftfahrern kann der Betrieb alle Inhalte abdecken, die Fahrausbildung übernimmt eine Fahrschule. In der Werkstatt arbeiten nur zwei Mechaniker, die überwiegend Wartungen ausführen. Die Diagnose- und Instandsetzungsarbeiten des Kfz-Mechatronikers ließen sich nur im Verbund mit einer Fachwerkstatt vermitteln. Sein Vorschlag: mit Berufskraftfahrern und einer Fachkraft für Lagerlogistik beginnen und die Werkstattausbildung zurückstellen.

🏭 So sieht das in der Fertigung aus

Ein Zulieferer überlegt, ob er Maschinen- und Anlagenführer (zwei Jahre) oder Industriemechaniker (dreieinhalb Jahre) ausbildet. Der Meister legt beide Ausbildungsrahmenpläne neben die Arbeitsplätze: Für das Bedienen und Umrüsten der Anlagen reicht der zweijährige Beruf, für die Instandhaltung braucht der Betrieb Industriemechaniker. Er schlägt beide Berufe vor und weist darauf hin, dass gute Maschinen- und Anlagenführer ihre Ausbildung in einem aufbauenden Beruf fortsetzen können.

Typische Prüfungsfragen mit Antworten

Was muss eine Ausbildungsordnung mindestens enthalten?

Die Bezeichnung des Ausbildungsberufs, die Ausbildungsdauer, das Ausbildungsberufsbild, den Ausbildungsrahmenplan und die Prüfungsanforderungen (§ 5 BBiG).

Worin unterscheiden sich Ausbildungsberufsbild, Ausbildungsrahmenplan und betrieblicher Ausbildungsplan?

Das Ausbildungsberufsbild nennt die zu vermittelnden Inhalte als Übersicht. Der Ausbildungsrahmenplan gliedert sie sachlich und zeitlich und gilt für alle Betriebe. Der betriebliche Ausbildungsplan überträgt den Ausbildungsrahmenplan auf den einzelnen Betrieb und wird vom Ausbildenden erstellt.

Dürfen Jugendliche in einem nicht anerkannten Beruf ausgebildet werden?

Grundsätzlich nein. Jugendliche unter 18 Jahren dürfen nur in staatlich anerkannten Ausbildungsberufen ausgebildet werden (§ 4 BBiG).

Welche Strukturmodelle von Ausbildungsberufen gibt es?

Monoberufe ohne Spezialisierung sowie Berufe mit Fachrichtungen, Schwerpunkten, Wahlqualifikationen oder Einsatzgebieten. Dazu kommen aufeinander aufbauende Berufe und Zusatzqualifikationen.

Wie gehst du bei der Auswahl eines Ausbildungsberufs vor?

Du klärst den Bedarf und die Tätigkeiten im Betrieb, suchst passende Berufe, vergleichst Ausbildungsberufsbild und Ausbildungsrahmenplan mit den betrieblichen Möglichkeiten, schließt Lücken über Verbund oder überbetriebliche Ausbildung und stimmst dich mit der Kammer ab.

Darf der Betrieb vom Ausbildungsrahmenplan abweichen?

Von der sachlichen und zeitlichen Gliederung ja, wenn betriebliche Besonderheiten das erfordern. Die Inhalte müssen aber vollständig vermittelt werden. Mehr zu vermitteln ist erlaubt, weniger nicht.

Übungsaufgabe

Ein Busunternehmen im Linienverkehr mit 40 Fahrern, einer kleinen Werkstatt und einer Verwaltung mit vier Angestellten will zum ersten Mal ausbilden. Die Inhaberin fragt dich als Verkehrsmeister, welche Ausbildungsberufe in Frage kommen und wie sie vorgehen soll. Beschreibe dein Vorgehen.

Lösungsvorschlag

  • Bedarf: Der größte Bedarf besteht bei den Fahrern. Dafür kommen die Fachkraft im Fahrbetrieb und der Berufskraftfahrer in Frage, für die Verwaltung ein kaufmännischer Beruf.
  • Vergleich: Du besorgst die Ausbildungsordnungen und vergleichst die Ausbildungsrahmenpläne mit den Tätigkeiten im Betrieb.
  • Lücken: Inhalte, die der Betrieb nicht abdeckt, planst du im Verbund oder über externe Lehrgänge ein.
  • Eignung: Du prüfst, ob geeignete Ausbilder und genügend Fachkräfte vorhanden sind.
  • Kammer: Du vereinbarst einen Termin mit der Ausbildungsberatung der Industrie- und Handelskammer.
  • Empfehlung: Du schlägst vor, mit dem Beruf zu beginnen, in dem der Bedarf am größten ist und der Betrieb die Inhalte am besten abdeckt.

Bedeutung für die praktische Prüfung

Zu jeder Ausbildungssituation gehört die Einordnung: Zu welcher Berufsbildposition gehört das Thema, in welchem Ausbildungsjahr steht es im Ausbildungsrahmenplan, und welches Lernziel leitest du daraus ab? Nimm dir die Ausbildungsordnung deines Berufs vor und suche die Stelle heraus, bevor du dein Konzept schreibst. Wie aus dem Ausbildungsrahmenplan ein Lernziel wird, steht auf der Seite Lernziele formulieren.

Verwandte Themen

➡️ Handlungsfeld 1 – Ausbildung planen
➡️ Ausbildungsbedarf und Rechtsgrundlagen (1.2)
➡️ Duales System und Berufsbildungssystem (1.3)
➡️ Persönliche und fachliche Eignung, Eignung der Ausbildungsstätte (1.5)
➡️ Lernziele formulieren, Lern- und Arbeitsaufgaben entwickeln (3.3)
➡️ Berufsbildungsgesetz (BBiG) im Wortlaut

Fazit

Die Ausbildungsordnung legt für jeden anerkannten Ausbildungsberuf fest, was mindestens zu vermitteln ist: Bezeichnung, Dauer, Ausbildungsberufsbild, Ausbildungsrahmenplan und Prüfungsanforderungen. Den passenden Beruf findest du, indem du diese Inhalte mit den Tätigkeiten und dem Bedarf deines Betriebs vergleichst. Lücken schließt du über Verbund oder überbetriebliche Ausbildung.