Fördern heißt nicht nur, Schwächeren zu helfen. Auch leistungsstarke Auszubildende brauchen Aufmerksamkeit, sonst langweilen sie sich und suchen sich nach der Ausbildung einen anderen Betrieb. Das Thema gehört zum Handlungsfeld 3 „Ausbildung durchführen“ der Ausbildereignungsprüfung (AEVO) und steht im Rahmenplan unter der Nummer 3.6.
Auf dieser Seite gehe ich die vier Punkte dieses Kompetenzbereichs durch: Begabungen erkennen, zusätzliche Angebote machen, Verkürzung und vorzeitige Zulassung prüfen und die verbleibende Ausbildungszeit gestalten. Der Unterschied zwischen Verkürzung und vorzeitiger Zulassung wird in der schriftlichen Prüfung besonders gern abgefragt.
📘 Auf einen Blick
| Merkmal | Information |
|---|---|
| Prüfung | Ausbildereignungsprüfung nach AEVO |
| Handlungsfeld | 3 – Ausbildung durchführen (60 von 115 Unterrichtseinheiten im Rahmenplan) |
| Kompetenzbereich | 3.6 – Auszubildenden zusätzliche Ausbildungsangebote machen, insbesondere Zusatzqualifikationen, und die Verkürzung der Ausbildungsdauer sowie die vorzeitige Zulassung zur Abschlussprüfung prüfen |
| Verkürzung | Gemeinsamer Antrag von Auszubildendem und Ausbildendem bei der zuständigen Stelle (§ 8 Abs. 1 BBiG) |
| Vorzeitige Zulassung | Antrag des Auszubildenden, Anhörung von Ausbildendem und Berufsschule (§ 45 Abs. 1 BBiG) |
| Schriftliche Prüfung | Häufig: Unterschied der beiden Wege, Voraussetzungen, Antragsteller |
| Praktische Prüfung | Gering: gelegentlich als Frage im Fachgespräch |
Warum ist das Thema wichtig?
Unterforderung ist genauso eine Lernbremse wie Überforderung. Wer schnell begreift und trotzdem monatelang dieselben Aufgaben erledigt, verliert die Lust. Zusätzliche Angebote halten gute Auszubildende im Betrieb und liefern dir Fachkräfte, die mehr können als der Durchschnitt.
Dazu kommt die rechtliche Seite. Verkürzung und vorzeitige Zulassung haben unterschiedliche Voraussetzungen, unterschiedliche Antragsteller und unterschiedliche Folgen. Wer sie verwechselt, stellt den falschen Antrag oder verpasst eine Frist.
Was lernst du auf dieser Seite?
Nach dem Lesen dieser Seite kannst du:
- besondere Begabungen bei Auszubildenden erkennen,
- passende Zusatzangebote auswählen,
- Zusatzqualifikationen einordnen,
- Verkürzung und vorzeitige Zulassung unterscheiden,
- die Voraussetzungen und den Antragsweg beider Möglichkeiten beschreiben,
- den Ausbildungsplan nach einer Verkürzung anpassen.
1. Besondere Voraussetzungen und Begabungen erkennen
Starke Auszubildende fallen nicht immer durch gute Noten auf. Achte auf diese Anzeichen:
- Er begreift Neues schnell und braucht wenig Wiederholung.
- Er überträgt Gelerntes selbstständig auf andere Aufgaben.
- Er fragt nach dem Warum und macht eigene Verbesserungsvorschläge.
- Er ist mit Aufgaben früher fertig als andere und sucht sich selbst Arbeit.
- Er hat sehr gute Leistungen in Berufsschule und Zwischenprüfung.
- Er wirkt gelangweilt oder nachlässig, obwohl er die Aufgaben beherrscht.
Der letzte Punkt wird oft übersehen: Nachlassende Leistung kann auch ein Zeichen von Unterforderung sein. Dazu kommen besondere Voraussetzungen, die jemand mitbringt, etwa das Abitur, eine abgeschlossene erste Ausbildung, ein abgebrochenes Studium oder einschlägige Berufserfahrung.
2. Leistungsstarke Auszubildende fördern
| Angebot | Beispiele |
|---|---|
| Anspruchsvollere Aufgaben | Eigenes Projekt, Vertretung eines Kollegen, Mitarbeit bei der Einführung neuer Technik, Patenschaft für jüngere Auszubildende |
| Zusatzqualifikationen | Fremdsprachenzertifikat, Staplerschein, Schweißzertifikat, Gefahrgutschulung, IT- und Softwareschulungen |
| Auslandsaufenthalt | Ein Ausbildungsabschnitt in einem ausländischen Betrieb oder Standort |
| Wettbewerbe | Berufswettbewerbe, Ideenwettbewerbe im Betrieb |
| Verkürzung oder vorzeitige Zulassung | Früherer Abschluss der Ausbildung |
| Weiterbildungsberatung | Wege nach der Ausbildung aufzeigen: Meister, Fachwirt, Techniker, Studium, Stipendien für besonders gute Absolventen |
Was sind Zusatzqualifikationen?
Zusatzqualifikationen sind Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten, die über das Ausbildungsberufsbild hinausgehen. Es gibt zwei Arten:
- In der Ausbildungsordnung geregelte Zusatzqualifikationen: Sie sind dort ausdrücklich vorgesehen, werden gesondert geprüft und bescheinigt.
- Freie Zusatzqualifikationen: Angebote von Kammern, Berufsschulen, Herstellern oder des Betriebs selbst, meist mit eigenem Zertifikat.
Sie dürfen die eigentliche Ausbildung nicht verdrängen. Erst wenn die Pflichtinhalte sicher sitzen, ist Platz für mehr.
3. Verkürzung und vorzeitige Zulassung prüfen
Beide Wege führen früher zum Abschluss, sind aber rechtlich etwas völlig Verschiedenes.
| Verkürzung der Ausbildungsdauer | Vorzeitige Zulassung zur Abschlussprüfung | |
|---|---|---|
| Rechtsgrundlage | § 8 Abs. 1 BBiG | § 45 Abs. 1 BBiG |
| Grund | Es ist zu erwarten, dass das Ausbildungsziel in kürzerer Zeit erreicht wird, meist wegen der Vorbildung | Die Leistungen während der Ausbildung rechtfertigen es |
| Antrag | Gemeinsam von Auszubildendem und Ausbildendem | Vom Auszubildenden |
| Beteiligte | Zuständige Stelle entscheidet | Ausbildender und Berufsschule werden angehört, zuständige Stelle entscheidet |
| Zeitpunkt | Bei Vertragsschluss oder während der Ausbildung | Im Lauf der Ausbildung, rechtzeitig vor dem Prüfungstermin |
| Wirkung auf den Vertrag | Der Vertrag wird geändert, das Ausbildungsende steht neu fest | Der Vertrag bleibt unverändert. Die Ausbildung endet mit Bestehen der Prüfung. |
Verkürzung: übliche Gründe und Richtwerte
Maßgeblich ist die Entscheidung der zuständigen Stelle. Sie orientiert sich in der Regel an einer Empfehlung des Hauptausschusses des Bundesinstituts für Berufsbildung. Üblich sind diese Richtwerte:
| Grund | Verkürzung um bis zu |
|---|---|
| Mittlerer Schulabschluss | 6 Monate |
| Fachhochschulreife oder Abitur | 12 Monate |
| Abgeschlossene Berufsausbildung | 12 Monate |
| Lebensalter über 21 Jahre | 12 Monate |
| Einschlägige berufliche Grundbildung oder Berufserfahrung | Im Einzelfall |
Mehrere Gründe können zusammenkommen. Eine Mindestdauer darf aber nicht unterschritten werden: bei einer Regelausbildungsdauer von dreieinhalb Jahren 24 Monate, bei drei Jahren 18 Monate, bei zwei Jahren 12 Monate. Die genauen Werte erfragst du bei deiner Kammer.
Vorzeitige Zulassung: Voraussetzungen
Vorausgesetzt werden überdurchschnittliche Leistungen im Betrieb und in der Berufsschule. Die Kammern verlangen in der Regel mindestens gute Leistungen im Betrieb und in den prüfungsrelevanten Fächern der Berufsschule einen Notendurchschnitt, der besser ist als 2,5. Üblich ist eine Zulassung zum Prüfungstermin ein halbes Jahr vor dem regulären Ende.
Mit dem Bestehen der Abschlussprüfung endet das Ausbildungsverhältnis, und zwar mit der Bekanntgabe des Ergebnisses durch den Prüfungsausschuss. Besteht der Auszubildende die vorgezogene Prüfung nicht, läuft die Ausbildung bis zum vertraglichen Ende weiter.
So gehst du vor
- Leistungen im Betrieb und in der Berufsschule auswerten.
- Mit dem Auszubildenden besprechen, ob er sich den früheren Abschluss zutraut und was das für ihn bedeutet.
- Bei Minderjährigen die gesetzlichen Vertreter einbeziehen.
- Voraussetzungen und Fristen bei der zuständigen Stelle erfragen.
- Antrag stellen: gemeinsam bei der Verkürzung, durch den Auszubildenden bei der vorzeitigen Zulassung, dann mit deiner Stellungnahme.
- Ausbildungsplan anpassen und die Berufsschule informieren.
4. Die verbleibende Ausbildungsdauer gestalten
Eine Verkürzung streicht keine Inhalte. Alles, was im Ausbildungsrahmenplan steht, muss in weniger Zeit vermittelt werden. Dafür passt du den individuellen Ausbildungsplan an:
- Inhalte, die durch die Vorbildung schon vorhanden sind, kürzer behandeln oder nur überprüfen.
- Verweildauer in den Abteilungen straffen, Reihenfolge neu ordnen.
- Prüfungsrelevante Inhalte rechtzeitig vor Zwischenprüfung oder Teil 1 und vor der Abschlussprüfung einplanen.
- Mit der Berufsschule klären, in welche Klasse der Auszubildende wechselt und welchen Stoff er nachholen muss.
- Zeit für die Prüfungsvorbereitung einplanen.
- Regelmäßig prüfen, ob der Auszubildende mit dem höheren Tempo zurechtkommt.
Praxisbeispiel aus dem Kraftverkehr
Eine 24-jährige Auszubildende zur Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleistung hat das Abitur und zwei Semester Betriebswirtschaft studiert. Die Regelausbildungsdauer beträgt drei Jahre.
Verkürzung: Wegen Abitur und Lebensalter stellt ihr schon bei Vertragsschluss gemeinsam den Antrag, die Ausbildungsdauer um zwölf Monate auf zwei Jahre zu kürzen. Die Kammer stimmt zu.
Angepasster Plan: Die Grundlagen der Büroorganisation behandelst du nur kurz. Dafür kommt sie früher in die Disposition und in die Abrechnung. In der Berufsschule steigt sie direkt in das zweite Schuljahr ein und arbeitet den Stoff des ersten Jahres mit Unterlagen der Klasse nach.
Zusatzangebote: Im zweiten Jahr besucht sie eine Schulung zum Gefahrgutrecht und übernimmt die Einarbeitung eines neuen Auszubildenden in die Tourenplanungssoftware.
Ausblick: Im Gespräch über die Zeit nach der Ausbildung zeigst du ihr den Weg zur Fachwirtin für Güterverkehr und Logistik auf.
🏭 So sieht das in der Fertigung aus
Ein Industriemechaniker mit mittlerem Schulabschluss lernt regulär dreieinhalb Jahre. Seine Leistungen sind in Betrieb und Berufsschule durchgehend gut bis sehr gut. Eine Verkürzung wurde bei Vertragsschluss nicht beantragt. Jetzt kommt die vorzeitige Zulassung in Betracht: Er stellt den Antrag bei der Kammer, du und die Berufsschule gebt eine Stellungnahme ab, und er legt die Abschlussprüfung Teil 2 ein halbes Jahr früher ab. Bis dahin übernimmt er als Zusatzaufgabe die Programmierung einfacher Teile an der CNC-Maschine.
Typische Prüfungsfragen mit Antworten
Was unterscheidet die Verkürzung von der vorzeitigen Zulassung?
Die Verkürzung ändert den Ausbildungsvertrag und wird gemeinsam von Auszubildendem und Ausbildendem beantragt, meist wegen der Vorbildung. Die vorzeitige Zulassung lässt den Vertrag unverändert, wird vom Auszubildenden beantragt und setzt überdurchschnittliche Leistungen während der Ausbildung voraus.
Wer stellt den Antrag auf Verkürzung der Ausbildungsdauer?
Auszubildender und Ausbildender gemeinsam bei der zuständigen Stelle. Bei Minderjährigen unterschreiben auch die gesetzlichen Vertreter.
Wer wird vor einer vorzeitigen Zulassung angehört?
Der Ausbildende und die Berufsschule. Die Entscheidung trifft die zuständige Stelle.
Was sind Zusatzqualifikationen?
Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten, die über das Ausbildungsberufsbild hinausgehen. Sie können in der Ausbildungsordnung vorgesehen sein und werden dann gesondert geprüft, oder sie werden frei angeboten, etwa Sprachzertifikate oder Bedienerausweise.
Wann endet die Ausbildung bei vorzeitiger Zulassung?
Mit dem Bestehen der Abschlussprüfung, genauer mit der Bekanntgabe des Ergebnisses durch den Prüfungsausschuss. Wird die Prüfung nicht bestanden, läuft die Ausbildung bis zum vertraglichen Ende weiter.
Was musst du nach einer Verkürzung tun?
Den individuellen Ausbildungsplan anpassen, damit alle Inhalte in der kürzeren Zeit vermittelt werden, die Berufsschule informieren und die Prüfungstermine neu einplanen.
Übungsaufgabe
Situation: Ein Auszubildender im zweiten Ausbildungsjahr einer dreijährigen Ausbildung ist im Betrieb durchgehend gut und hat in der Berufsschule einen Notendurchschnitt von 1,8. Er fragt dich, ob er früher fertig werden kann. Bei Vertragsschluss wurde keine Verkürzung vereinbart.
Aufgabe: a) Nenne die Möglichkeit, die hier in Betracht kommt, und begründe. b) Beschreibe den Weg dorthin. c) Nenne zwei weitere Angebote, mit denen du ihn fördern kannst.
Lösungsvorschlag
a) Die vorzeitige Zulassung zur Abschlussprüfung. Grund sind seine überdurchschnittlichen Leistungen während der Ausbildung, nicht eine besondere Vorbildung.
b) Der Auszubildende stellt den Antrag bei der zuständigen Stelle innerhalb der Anmeldefrist für den früheren Prüfungstermin. Der Betrieb und die Berufsschule werden angehört und bestätigen die Leistungen. Die zuständige Stelle entscheidet. Danach passt du den Ausbildungsplan an, damit alle Inhalte bis zur Prüfung vermittelt sind.
c) Zum Beispiel eine Zusatzqualifikation wie ein Fremdsprachenzertifikat und ein eigenes kleines Projekt mit Verantwortung für das Ergebnis.
Bedeutung für die praktische Prüfung
In der praktischen Prüfung steht dieses Thema selten im Mittelpunkt. Im Fachgespräch kann aber gefragt werden, wie du mit einem Auszubildenden umgehst, der deine Aufgabe sehr schnell gelöst hat. Eine gute Antwort nennt eine Zusatzaufgabe mit höherem Anspruch, etwa einen Sonderfall, das Erklären für einen anderen Auszubildenden oder die selbstständige Planung des nächsten Arbeitsschritts.
Verwandte Themen
➡️ Handlungsfeld 3 – Ausbildung durchführen
➡️ Lernschwierigkeiten erkennen und unterstützen (3.5)
➡️ Leistungen feststellen und bewerten (3.8)
➡️ Handlungsfeld 4 – Ausbildung abschließen
➡️ Berufsbildungsgesetz (BBiG) im Wortlaut
Fazit
Starke Auszubildende förderst du mit anspruchsvolleren Aufgaben, Zusatzqualifikationen und der Aussicht auf einen früheren Abschluss. Die Verkürzung beantragt ihr gemeinsam, sie ändert den Vertrag und stützt sich meist auf die Vorbildung. Die vorzeitige Zulassung beantragt der Auszubildende, sie setzt überdurchschnittliche Leistungen voraus und lässt den Vertrag unverändert.
Für die Prüfung musst du diese beiden Wege sauber auseinanderhalten und wissen, wer jeweils den Antrag stellt und wer angehört wird.
