Am Ende jeder Ausbildung stellt der Betrieb ein Zeugnis aus. Das Ausbildungszeugnis begleitet den jungen Menschen bei jeder späteren Bewerbung. Als Ausbilder kennst du seine Leistungen am besten und wirkst deshalb an der Erstellung mit. Das Thema gehört zum Handlungsfeld 4 „Ausbildung abschließen“ der Ausbildereignungsprüfung (AEVO) und steht im Rahmenplan unter der Nummer 4.3.
Auf dieser Seite gehe ich die vier Punkte dieses Kompetenzbereichs durch: die Bedeutung des Zeugnisses, den Unterschied zwischen einfachem und qualifiziertem Zeugnis, die Vorbereitung auf der Grundlage betrieblicher Beurteilungen und die Folgen der Formulierungen.
📘 Auf einen Blick
| Merkmal | Information |
|---|---|
| Prüfung | Ausbildereignungsprüfung nach AEVO |
| Handlungsfeld | 4 – Ausbildung abschließen (10 von 115 Unterrichtseinheiten im Rahmenplan) |
| Kompetenzbereich | 4.3 – An der Erstellung eines schriftlichen Zeugnisses auf der Grundlage von Leistungsbeurteilungen mitwirken |
| Schriftliche Prüfung | Häufig: Unterschied zwischen einfachem und qualifiziertem Zeugnis, Pflichtinhalte, Grundsätze Wahrheit und Wohlwollen, unzulässige Angaben |
| Praktische Prüfung | Gering |
| Gilt für | Alle angehenden Ausbilder, unabhängig von Beruf und Branche |
Warum ist das Ausbildungszeugnis so wichtig?
Am Ende der Ausbildung bekommt der Auszubildende drei Zeugnisse: das Prüfungszeugnis der Kammer, das Abschlusszeugnis der Berufsschule und das Zeugnis des Betriebs. Nur das betriebliche Zeugnis beschreibt, was er im Arbeitsalltag gelernt und wie er sich dort bewährt hat. Für künftige Arbeitgeber ist das oft die wichtigste Auskunft.
Deshalb hat das Zeugnis Gewicht, und deshalb gibt es klare Regeln. Ein unbedacht formulierter Satz kann eine Bewerbung scheitern lassen. Ein geschöntes Zeugnis kann dem Betrieb rechtlichen Ärger einbringen.
Was lernst du auf dieser Seite?
- wann und in welcher Form der Betrieb ein Zeugnis ausstellen muss
- worin sich einfaches und qualifiziertes Zeugnis unterscheiden
- wie du ein Zeugnis aus den betrieblichen Beurteilungen aufbaust
- was im Zeugnis stehen darf und was nicht
- wie die Zeugnissprache funktioniert
- welche Rechte der Auszubildende hat, wenn er mit dem Zeugnis nicht einverstanden ist
1. Bedeutung des Ausbildungszeugnisses
Die Rechtsgrundlage ist § 16 BBiG. Der Ausbildende muss dem Auszubildenden bei Beendigung des Ausbildungsverhältnisses ein Ausbildungszeugnis ausstellen. Das gilt bei jeder Art der Beendigung, auch nach einer Kündigung oder einem Abbruch, und der Auszubildende muss es nicht eigens verlangen.
| Vorgabe | Regelung |
|---|---|
| Form | schriftlich; seit August 2024 mit Einwilligung des Auszubildenden auch in elektronischer Form |
| Unterschrift | der Ausbildende; hat er die Ausbildung nicht selbst durchgeführt, soll auch der Ausbilder unterschreiben |
| Äußere Form | Geschäftspapier, Ausstellungsdatum, sauber und fehlerfrei, ohne Unterstreichungen, Ausrufezeichen oder andere Hervorhebungen |
| Zeitpunkt | bei Beendigung, am besten mit dem letzten Ausbildungstag |
2. Einfaches und qualifiziertes Zeugnis
| Einfaches Zeugnis | Qualifiziertes Zeugnis | |
|---|---|---|
| Inhalt | Art, Dauer und Ziel der Berufsausbildung sowie die erworbenen beruflichen Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten | zusätzlich Angaben über Verhalten und Leistung |
| Wann? | immer, als Mindestinhalt | auf Verlangen des Auszubildenden |
| Aussagekraft | belegt, was gelernt wurde | bewertet außerdem, wie gut gearbeitet wurde |
Der Auszubildende entscheidet, welche Form er möchte. In der Praxis ist das qualifizierte Zeugnis üblich, weil ein einfaches Zeugnis bei Bewerbungen Fragen aufwirft. Sprich das Thema rechtzeitig an, damit du Zeit für die Vorbereitung hast.
3. Zeugnis auf der Grundlage betrieblicher Beurteilungen vorbereiten
Ein gutes Ausbildungszeugnis entsteht nicht aus dem Gedächtnis. Du stützt dich auf das, was im Lauf der Ausbildung festgehalten wurde:
- die Beurteilungen aus den einzelnen Abteilungen
- die Protokolle der Beurteilungsgespräche
- den Ausbildungsnachweis und den betrieblichen Ausbildungsplan
- die Ergebnisse von Zwischen- und Abschlussprüfung
- besondere Leistungen wie Projekte, Zusatzqualifikationen oder Auslandsaufenthalte
Wie du Leistungen während der Ausbildung fair beurteilst, steht auf der Seite Leistungen feststellen und bewerten.
Aufbau eines qualifizierten Zeugnisses
- Überschrift: „Ausbildungszeugnis“
- Eingangssatz: Name, Geburtsdatum, Ausbildungsberuf, Beginn und Ende der Ausbildung
- Ausbildungsinhalte: durchlaufene Abteilungen und erworbene Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten
- Leistungsbeurteilung: Fachwissen, Lernbereitschaft, Arbeitsweise, Arbeitsergebnisse, zusammenfassende Bewertung
- Verhaltensbeurteilung: Verhalten gegenüber Ausbildern, Vorgesetzten, Kollegen und Kunden
- Schlussteil: Prüfungsergebnis, wenn der Auszubildende einverstanden ist, Hinweis auf die Übernahme oder das Ausscheiden, Dank und gute Wünsche
- Ort, Datum, Unterschriften
Was im Zeugnis stehen darf und was nicht
| Zulässig | Nicht zulässig |
|---|---|
| Tatsachen, die für die Ausbildung kennzeichnend sind | einmalige Vorfälle, die für die gesamte Ausbildung nicht typisch sind |
| Beurteilung von Leistung und Verhalten | Krankheiten und Fehlzeiten |
| besondere Kenntnisse und Zusatzqualifikationen | Tätigkeit in der Jugend- und Auszubildendenvertretung oder im Betriebsrat, Gewerkschafts- oder Parteizugehörigkeit |
| Prüfungsergebnis, mit Einverständnis | Schwangerschaft, Behinderung, private Umstände |
| Grund des Ausscheidens, mit Einverständnis | Abmahnungen, Verdächtigungen |
| verschlüsselte Hinweise und Geheimzeichen |
4. Formulierungen im Ausbildungszeugnis und ihre Folgen
Für jedes Ausbildungszeugnis gelten zwei Grundsätze, die sich gegenseitig begrenzen:
- Wahrheit: Das Zeugnis muss stimmen und vollständig sein. Es darf nichts Wesentliches weglassen und nichts erfinden.
- Wohlwollen: Es soll das berufliche Fortkommen nicht unnötig erschweren. Die Formulierungen sind deshalb grundsätzlich freundlich.
Aus diesen beiden Grundsätzen ist die Zeugnissprache entstanden. Weil negative Aussagen vermieden werden, drücken Abstufungen im Lob die Note aus:
| Formulierung | Bedeutung |
|---|---|
| „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“ | sehr gut |
| „stets zu unserer vollen Zufriedenheit“ | gut |
| „zu unserer vollen Zufriedenheit“ | befriedigend |
| „zu unserer Zufriedenheit“ | ausreichend |
| „im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit“ | mangelhaft |
| „hat sich bemüht“ | ungenügend |
Auch Auslassungen sprechen. Fehlt im Satz zum Verhalten der Vorgesetzte, liest ein geübter Personalleiter daraus Schwierigkeiten mit Vorgesetzten. Fehlen Dank und gute Wünsche am Schluss, wirkt das wie eine Abwertung. Prüfe deshalb jedes Zeugnis darauf, ob es so gelesen wird, wie du es meinst.
Rechtsfolgen
- Berichtigung: Ist das Zeugnis unrichtig, unvollständig oder formal mangelhaft, kann der Auszubildende eine Berichtigung verlangen und notfalls vor dem Arbeitsgericht durchsetzen.
- Schadensersatz gegenüber dem Auszubildenden: wenn ihm durch ein fehlendes, verspätetes oder falsches Zeugnis ein Schaden entsteht.
- Haftung gegenüber einem neuen Arbeitgeber: wenn der Betrieb wissentlich falsche Angaben macht, etwa schwere Verfehlungen verschweigt, und dem neuen Arbeitgeber dadurch ein Schaden entsteht.
Bedenke immer die Wirkung auf dem Arbeitsmarkt: Ein Zeugnis, das einem jungen Menschen ohne Not schadet, verbaut Chancen. Sprich den Entwurf mit ihm durch, bevor er unterschrieben wird.
Praxisbeispiel aus dem Kraftverkehr
Ein Auszubildender zum Berufskraftfahrer hat seine Abschlussprüfung mit „gut“ bestanden und wird übernommen. Er bittet um ein qualifiziertes Zeugnis. Der Fuhrparkleiter sammelt die Beurteilungen aus Lager, Disposition und von den Fahrern, bei denen der Auszubildende mitgefahren ist.
Im Zeugnis beschreibt er zunächst die Ausbildungsinhalte: Fahrzeugkontrolle und Pflege, Ladungssicherung, Touren im Nah- und Fernverkehr, Umgang mit Frachtpapieren und digitalem Fahrtenschreiber. Zur Leistung schreibt er: „Herr M. eignete sich die Ausbildungsinhalte schnell und sicher an und erledigte die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit.“ Zum Verhalten: „Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Ausbildern, Kollegen und Kunden war jederzeit einwandfrei.“
Einen einzelnen Vorfall aus dem zweiten Jahr, einen leichten Rangierschaden, lässt er weg, weil er für die Ausbildung nicht typisch war. Am Schluss stehen das Prüfungsergebnis, die Übernahme, Dank und gute Wünsche. Geschäftsführer und Fuhrparkleiter unterschreiben.
🏭 So sieht das in der Fertigung aus
Eine Auszubildende zur Mechatronikerin war im dritten Jahr Mitglied der Jugend- und Auszubildendenvertretung. Der Abteilungsleiter möchte das im Zeugnis als Zeichen ihres Engagements erwähnen. Die Ausbilderin erklärt, dass diese Tätigkeit nicht ins Zeugnis gehört, es sei denn, die Auszubildende wünscht es ausdrücklich. Sie fragt nach, und die Auszubildende entscheidet selbst.
Typische Prüfungsfragen mit Antworten
Wann muss der Betrieb ein Ausbildungszeugnis ausstellen?
Bei Beendigung des Ausbildungsverhältnisses, unabhängig vom Grund und ohne dass der Auszubildende es verlangen muss (§ 16 BBiG).
Was enthält ein einfaches Zeugnis?
Angaben über Art, Dauer und Ziel der Berufsausbildung sowie über die erworbenen beruflichen Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten.
Was unterscheidet ein qualifiziertes Zeugnis vom einfachen?
Es enthält zusätzlich Angaben über Verhalten und Leistung. Es wird auf Verlangen des Auszubildenden ausgestellt.
Welche Grundsätze gelten für das Zeugnis?
Wahrheit und Wohlwollen. Das Zeugnis muss wahr und vollständig sein und soll zugleich das berufliche Fortkommen nicht unnötig erschweren.
Was darf nicht im Zeugnis stehen?
Krankheiten und Fehlzeiten, einmalige untypische Vorfälle, Tätigkeit in der Interessenvertretung, Gewerkschafts- oder Parteizugehörigkeit, private Umstände, Abmahnungen sowie Geheimzeichen und verschlüsselte Hinweise.
Was kann der Auszubildende tun, wenn er mit dem Zeugnis nicht einverstanden ist?
Er kann vom Ausbildenden die Berichtigung verlangen und diesen Anspruch notfalls vor dem Arbeitsgericht geltend machen.
Übungsaufgabe
Die Personalabteilung legt dir diesen Entwurf vor: „Herr K. war vom 01.08.2023 bis 31.07.2026 bei uns in der Ausbildung zum Fachlageristen. Er hat sich stets bemüht, die Aufgaben zu erledigen. Wegen einer Knieverletzung fehlte er im zweiten Jahr zehn Wochen. Mit seinen Kollegen kam er gut aus.“ Herr K. hat ein qualifiziertes Zeugnis verlangt. Seine Beurteilungen waren durchweg befriedigend bis gut. Beurteile den Entwurf.
Lösungsvorschlag
- Ausbildungsinhalte fehlen: Das Zeugnis muss die erworbenen Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten nennen.
- „Stets bemüht“: Das bedeutet in der Zeugnissprache ungenügend und widerspricht den Beurteilungen. Der Grundsatz der Wahrheit ist verletzt.
- Krankheit: Die Verletzung und die Fehlzeit gehören nicht ins Zeugnis.
- Verhalten: Genannt sind nur die Kollegen. Das Fehlen von Vorgesetzten und Ausbildern wird als Hinweis auf Probleme gelesen.
- Dauer: Eine Ausbildung zum Fachlageristen dauert zwei Jahre. Die Angaben zu Beruf und Zeitraum sind zu prüfen.
- Schluss und Form: Dank, gute Wünsche, Datum und Unterschriften fehlen.
- Vorgehen: Du schreibst den Entwurf anhand der Beurteilungen neu und besprichst ihn mit Herrn K.
Bedeutung für die praktische Prüfung
In der praktischen Prüfung spielt das Zeugnis keine Rolle. In der schriftlichen Prüfung kommen dagegen regelmäßig Aufgaben wie die Übung oben vor: ein fehlerhafter Entwurf, den du beurteilen sollst, oder die Frage nach dem Unterschied der beiden Zeugnisarten.
Verwandte Themen
➡️ Handlungsfeld 4 – Ausbildung abschließen
➡️ Prüfungsvorbereitung und Abschlussprüfung (4.1)
➡️ Zulassung und Anmeldung zur Abschlussprüfung (4.2)
➡️ Übernahme nach der Ausbildung und Weiterbildung (4.4)
➡️ Leistungen feststellen und bewerten, Beurteilungsgespräche führen (3.8)
➡️ Ausbildungsvertrag (2.5)
➡️ Berufsbildungsgesetz (BBiG) im Wortlaut
Fazit
Jeder Auszubildende bekommt bei Beendigung der Ausbildung ein Ausbildungszeugnis, auf Wunsch als qualifiziertes Zeugnis mit Angaben zu Verhalten und Leistung. Es muss wahr und wohlwollend sein und stützt sich auf die Beurteilungen aus der Ausbildung. Wer die Zeugnissprache kennt und weiß, was nicht hineingehört, schreibt ein Zeugnis, das dem jungen Menschen gerecht wird und rechtlich Bestand hat.
