Warum bildet ein Betrieb überhaupt aus? Ausbildung kostet Geld, bindet Personal und bringt Verantwortung mit sich. Trotzdem lohnt sie sich. Der Nutzen der Ausbildung reicht vom eigenen Fachkräftenachwuchs bis zum besseren Ruf als Arbeitgeber. Das Thema gehört zum Handlungsfeld 1 „Ausbildungsvoraussetzungen prüfen und Ausbildung planen“ der Ausbildereignungsprüfung (AEVO) und steht im Rahmenplan unter der Nummer 1.1.
Auf dieser Seite gehe ich die drei Punkte dieses Kompetenzbereichs durch: die Ziele der Berufsausbildung, Nutzen und Kosten für alle Beteiligten und die Frage, was Ausbildung mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Als Ausbilder musst du diese Argumente kennen. Oft bist du derjenige, der die Geschäftsleitung von der Ausbildung überzeugen muss.
📘 Auf einen Blick
| Merkmal | Information |
|---|---|
| Prüfung | Ausbildereignungsprüfung nach AEVO |
| Handlungsfeld | 1 – Ausbildungsvoraussetzungen prüfen und Ausbildung planen (20 von 115 Unterrichtseinheiten im Rahmenplan) |
| Kompetenzbereich | 1.1 – Die Vorteile und den Nutzen betrieblicher Ausbildung darstellen und begründen |
| Schriftliche Prüfung | Regelmäßig: Vorteile der Ausbildung begründen, Kosten und Erträge gegenüberstellen, Handlungskompetenz erklären |
| Praktische Prüfung | Gering: höchstens als Einstiegsfrage im Fachgespräch („Warum bildet Ihr Betrieb aus?“) |
| Gilt für | Alle angehenden Ausbilder, unabhängig von Beruf und Branche |
Warum ist der Nutzen der Ausbildung ein Prüfungsthema?
Die Entscheidung für oder gegen Ausbildung hängt davon ab, ob jemand den Nutzen nachvollziehbar darstellen kann. Wer nur die Ausbildungsvergütung sieht, hält Ausbildung für teuer. Wer die Erträge und die gesparten Kosten für die Personalsuche dagegenrechnet, kommt zu einem anderen Ergebnis.
Dazu kommt der demografische Wandel. In vielen Branchen gehen mehr Fachkräfte in Rente, als vom Arbeitsmarkt nachkommen. Betriebe, die nicht selbst ausbilden, konkurrieren dann um die wenigen fertigen Fachkräfte.
Was lernst du auf dieser Seite?
- welches Ziel die Berufsausbildung nach dem Berufsbildungsgesetz hat
- was berufliche Handlungskompetenz bedeutet
- welchen Nutzen Betrieb, Auszubildende, Wirtschaft und Gesellschaft haben
- wie du Bruttokosten, Erträge und Nettokosten unterscheidest
- was für Ausbildungsvergütung und Sozialversicherung gilt
- was Ausbildung mit Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit zu tun hat
1. Ziele und Aufgaben der Berufsausbildung
Das Berufsbildungsgesetz (BBiG) nennt das Ziel in § 1: Die Berufsausbildung soll die berufliche Handlungsfähigkeit vermitteln. Das sind die Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten, die für eine qualifizierte Tätigkeit in einer sich wandelnden Arbeitswelt nötig sind. Das soll in einem geordneten Ausbildungsgang geschehen, und der Auszubildende soll dabei die nötige Berufserfahrung sammeln.
Im Alltag und in der Prüfung sprichst du meist von beruflicher Handlungskompetenz. Gemeint ist die Fähigkeit, berufliche Aufgaben selbstständig zu planen, durchzuführen und zu kontrollieren. Sie setzt sich aus vier Bereichen zusammen:
| Kompetenz | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Fachkompetenz | Wissen und Können im Beruf | Ein Fahrzeug vor der Abfahrt fachgerecht kontrollieren |
| Methodenkompetenz | Aufgaben planvoll angehen, Informationen beschaffen und auswerten | Eine Tour unter Beachtung der Lenk- und Ruhezeiten planen |
| Sozialkompetenz | Mit anderen zusammenarbeiten, Konflikte fair lösen | Mit Kunden an der Rampe ruhig und sachlich umgehen |
| Selbstkompetenz (Personalkompetenz) | Verantwortung übernehmen, zuverlässig sein, dazulernen | Einen eigenen Fehler melden und daraus lernen |
Für Branche und Betrieb heißt das: Ausbildung sichert den Fachkräftenachwuchs, hält Wissen im Unternehmen und macht den Betrieb beweglicher. Wer selbst ausbildet, bekommt Mitarbeiter, die Abläufe, Fahrzeuge, Kunden und Qualitätsansprüche von Anfang an kennen.
2. Nutzen der Ausbildung für Betrieb, Auszubildende und Gesellschaft
Nutzen der Ausbildung für den Betrieb
- Fachkräftenachwuchs: Der Betrieb deckt seinen Bedarf selbst und macht sich unabhängiger vom Arbeitsmarkt.
- Passgenaue Qualifikation: Die Ausbildung findet an den eigenen Arbeitsplätzen statt, lange Einarbeitung entfällt.
- Geringere Kosten für die Personalsuche: Stellenanzeigen, Vermittler und Auswahlverfahren fallen weg oder werden seltener.
- Weniger Fehlbesetzungen: Nach zwei oder drei Jahren kennst du Stärken und Schwächen genau.
- Produktive Leistungen: Auszubildende arbeiten mit und erwirtschaften Erträge.
- Bindung: Wer im Betrieb gelernt hat, bleibt häufig länger.
- Ansehen: Ein Ausbildungsbetrieb gilt bei Kunden, Bewerbern und in der Region als verlässlicher Arbeitgeber.
- Neue Impulse: Auszubildende bringen aktuelles Wissen aus der Berufsschule und einen frischen Blick mit.
Man unterscheidet den direkten Nutzen und den indirekten Nutzen. Direkt nützt die Arbeit, die Auszubildende schon während der Ausbildung leisten. Indirekt nützt alles, was sich erst später oder nicht in Euro zeigt: gesparte Kosten für die Personalsuche, eingespielte Teams, ein guter Ruf.
Nutzen der Ausbildung für Auszubildende
- ein bundesweit anerkannter Berufsabschluss
- eine Vergütung vom ersten Tag an
- soziale Absicherung durch die Sozialversicherung
- Lernen im echten Betrieb und damit Berufserfahrung
- gute Aussichten auf Übernahme
- die Grundlage für den Aufstieg, zum Beispiel zum Meister oder Fachwirt
Nutzen der Ausbildung für Wirtschaft und Gesellschaft
- Gut ausgebildete Fachkräfte sichern die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft.
- Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Ländern mit dualer Ausbildung vergleichsweise niedrig.
- Junge Menschen finden ihren Platz in Arbeitswelt und Gesellschaft.
- Einheitliche Ausbildungsstandards machen Abschlüsse vergleichbar und erleichtern den Wechsel zwischen Betrieben und Regionen.
3. Kosten der Ausbildung: brutto, Erträge, netto
Zum Nutzen gehört die Kostenseite. In der Prüfung solltest du drei Begriffe sicher unterscheiden:
| Begriff | Was gehört dazu? |
|---|---|
| Bruttokosten | Alle Kosten der Ausbildung: Personalkosten der Auszubildenden (Vergütung, Sozialabgaben), Kosten des Ausbildungspersonals, Anlage- und Sachkosten (Arbeitsplatz, Werkzeug, Material) und sonstige Kosten (Kammergebühren, Lehrmittel, Berufskleidung, externe Lehrgänge) |
| Erträge | Der Wert der produktiven Arbeit, die Auszubildende leisten |
| Nettokosten | Bruttokosten minus Erträge |
Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) erhebt diese Werte regelmäßig. Für das Ausbildungsjahr 2022/2023 lagen die Bruttokosten im Durchschnitt bei rund 26.200 Euro pro Auszubildendem und Jahr. Dem standen Erträge von rund 18.100 Euro gegenüber, also etwa 70 Prozent. Eine Fachkraft über den Arbeitsmarkt zu gewinnen, kostete einen Betrieb im Durchschnitt rund 13.700 Euro. Die Werte schwanken stark nach Beruf und Betriebsgröße. Merke dir die Größenordnung und vor allem den Rechenweg.
Ausbildungsvergütung
Auszubildende haben nach § 17 BBiG Anspruch auf eine angemessene Vergütung, die mindestens jährlich steigt. Gilt ein Tarifvertrag, richtet sich die Höhe danach. Ohne Tarifbindung gilt die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung: Für Ausbildungen, die 2026 beginnen, sind das 724 Euro im ersten Ausbildungsjahr, bei Beginn 2027 sind es 764 Euro. Im zweiten Jahr kommen 18 Prozent dazu, im dritten 35 Prozent und im vierten 40 Prozent, jeweils bezogen auf den Betrag des ersten Jahres.
Sozialversicherung
Auszubildende sind von Anfang an sozialversichert: in der Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung. Die Beiträge teilen sich Betrieb und Auszubildender. Die gesetzliche Unfallversicherung über die Berufsgenossenschaft zahlt der Betrieb allein.
Fördermöglichkeiten
Unter bestimmten Voraussetzungen unterstützt die Agentur für Arbeit den Betrieb, zum Beispiel mit einem Zuschuss zur Einstiegsqualifizierung, mit der Assistierten Ausbildung oder mit Zuschüssen bei der Ausbildung von Menschen mit Behinderung. Dazu kommen Programme der Bundesländer. Welche Förderung passt, klärt der Arbeitgeber-Service der Agentur für Arbeit oder die Ausbildungsberatung der Kammer. Mehr dazu steht auf der Seite Einstiegsqualifizierung und Berufsvorbereitung.
4. Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit
Der Rahmenplan von 2023 nennt Nachhaltigkeit ausdrücklich. Gemeint sind drei Seiten, die zusammengehören:
- Ökonomisch: Der Betrieb sichert seinen Fachkräftebedarf langfristig und bleibt wettbewerbsfähig.
- Sozial: Junge Menschen bekommen eine Perspektive, faire Bedingungen und einen anerkannten Abschluss.
- Ökologisch: Auszubildende lernen, mit Energie, Material und Umwelt sorgsam umzugehen.
Seit August 2021 enthalten alle neuen und modernisierten Ausbildungsordnungen einheitliche Standardberufsbildpositionen, darunter „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ und „Digitalisierte Arbeitswelt“. Diese Inhalte vermittelst du während der gesamten Ausbildung mit. Zukunftsfähig ist ein Betrieb, der seine Fachkräfte selbst entwickelt und sie auf Veränderungen vorbereitet, etwa auf neue Antriebe, digitale Abläufe oder strengere Umweltvorgaben.
Praxisbeispiel aus dem Kraftverkehr
Eine Spedition mit 45 Fahrern stellt fest: 14 Fahrer sind älter als 58 Jahre. Stellenanzeigen bringen kaum Bewerbungen, und neue Fahrer bleiben oft nur kurz. Der Fuhrparkleiter soll der Geschäftsführung vorschlagen, ob sich die Ausbildung von Berufskraftfahrern lohnt.
Er rechnet nicht nur die Vergütung und die Kosten für den Führerschein zusammen. Er stellt dagegen, was die Auszubildenden auf eigenen Touren leisten, sobald sie die Fahrerlaubnis haben, was eine externe Stellenbesetzung kostet und was ein Lkw kostet, der wegen Fahrermangel steht. Dazu kommen Argumente, die sich nicht in Euro ausdrücken lassen: Die eigenen Auszubildenden kennen Kunden, Fahrzeuge und Abläufe, und wer im Betrieb gelernt hat, bleibt häufiger.
Die Geschäftsführung entscheidet, künftig jedes Jahr zwei Berufskraftfahrer auszubilden.
🏭 So sieht das in der Fertigung aus
Ein Zerspanungsbetrieb findet keine CNC-Fachkräfte mehr. Der Meister rechnet vor: Ein Auszubildender zum Zerspanungsmechaniker arbeitet im dritten Jahr an einfachen Serien produktiv mit. Den Kosten der Lehrwerkstatt stehen die Kosten für Personalvermittler und lange Einarbeitungen gegenüber. Auch hier gibt die Rechnung aus Bruttokosten, Erträgen und gesparten Kosten für die Personalsuche den Ausschlag.
Typische Prüfungsfragen mit Antworten
Welches Ziel hat die Berufsausbildung nach dem BBiG?
Sie soll die berufliche Handlungsfähigkeit vermitteln, also die Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten für eine qualifizierte berufliche Tätigkeit. Das geschieht in einem geordneten Ausbildungsgang, in dem der Auszubildende auch Berufserfahrung sammelt (§ 1 BBiG).
Was versteht man unter beruflicher Handlungskompetenz?
Die Fähigkeit und Bereitschaft, berufliche Aufgaben selbstständig zu planen, durchzuführen und zu kontrollieren. Sie besteht aus Fach-, Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenz.
Welche Vorteile hat die Ausbildung für den Betrieb?
Eigener Fachkräftenachwuchs, passgenaue Qualifikation, geringere Kosten für Personalsuche und Einarbeitung, weniger Fehlbesetzungen, produktive Leistungen der Auszubildenden, stärkere Bindung an den Betrieb und ein besseres Ansehen als Arbeitgeber.
Wie unterscheiden sich Bruttokosten, Erträge und Nettokosten?
Bruttokosten sind alle Kosten der Ausbildung, vor allem Personalkosten der Auszubildenden und des Ausbildungspersonals sowie Sach- und sonstige Kosten. Erträge sind der Wert der produktiven Arbeit der Auszubildenden. Nettokosten ergeben sich, wenn du die Erträge von den Bruttokosten abziehst.
Was ist die Mindestausbildungsvergütung?
Die gesetzliche Untergrenze der Ausbildungsvergütung nach § 17 BBiG. Sie gilt, wenn kein Tarifvertrag anzuwenden ist, wird jährlich angepasst und steigt mit jedem Ausbildungsjahr um feste Aufschläge.
Was hat Ausbildung mit Nachhaltigkeit zu tun?
Ausbildung sichert langfristig Fachkräfte (ökonomisch), gibt jungen Menschen eine Perspektive (sozial) und vermittelt den sorgsamen Umgang mit Ressourcen und Umwelt (ökologisch). Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind als Standardberufsbildposition Teil jeder neuen Ausbildungsordnung.
Übungsaufgabe
Der Inhaber eines Busunternehmens mit 30 Beschäftigten sagt: „Ausbildung ist mir zu teuer. Ich stelle lieber fertige Fahrer ein.“ Du bist Verkehrsmeister im Betrieb und willst ihn in einem kurzen Gespräch vom Gegenteil überzeugen. Nenne fünf Argumente und erkläre, wie du die Kosten darstellst.
Lösungsvorschlag
- Fachkräftemangel: Fertige Fahrer sind auf dem Arbeitsmarkt kaum zu bekommen, die Suche dauert lange und kostet Geld.
- Altersstruktur: Wer in den nächsten Jahren in Rente geht, muss rechtzeitig ersetzt werden. Eine Ausbildung dauert drei Jahre.
- Passgenauigkeit: Eigene Auszubildende kennen Linien, Fahrzeuge und Fahrgäste.
- Bindung: Selbst ausgebildete Fahrer bleiben häufiger im Betrieb.
- Ansehen: Ein Ausbildungsbetrieb ist für Bewerber und Auftraggeber attraktiver.
- Kosten: Du stellst den Bruttokosten die Erträge gegenüber, also die produktive Arbeit der Auszubildenden, und rechnest die gesparten Kosten für Personalsuche und Einarbeitung dazu. Außerdem weist du auf mögliche Förderungen hin.
Bedeutung für die praktische Prüfung
In der praktischen Prüfung steht dieses Thema nicht im Mittelpunkt. Im Fachgespräch kann der Prüfungsausschuss aber fragen, warum dein Betrieb ausbildet oder welchen Nutzen die gezeigte Ausbildungssituation für den Betrieb hat. Zwei oder drei klare Argumente reichen. Wichtiger ist das Thema in der schriftlichen Prüfung.
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➡️ Handlungsfeld 1 – Ausbildung planen
➡️ Ausbildungsbedarf und Rechtsgrundlagen (1.2)
➡️ Duales System und Berufsbildungssystem (1.3)
➡️ Einstiegsqualifizierung und Berufsvorbereitung (1.6)
➡️ Berufsbildungsgesetz (BBiG) im Wortlaut
Fazit
Der Nutzen der Ausbildung zeigt sich, wenn du vollständig rechnest: Den Bruttokosten stehen Erträge und gesparte Kosten für die Personalsuche gegenüber, dazu kommen Bindung, Ansehen und die Sicherung des Fachkräftenachwuchses. Wer diese Argumente geordnet vortragen kann, überzeugt die Geschäftsleitung und besteht die Prüfungsfrage.
