In den meisten Betrieben arbeiten Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen zusammen, und auch Kunden und Lieferanten sind international. Interkulturelle Kompetenz ist deshalb keine Zusatzfähigkeit mehr, sondern Teil der beruflichen Handlungsfähigkeit. Das Thema gehört zum Handlungsfeld 3 „Ausbildung durchführen“ der Ausbildereignungsprüfung (AEVO) und steht im Rahmenplan unter der Nummer 3.9.
Dieser Kompetenzbereich ist der kürzeste im Handlungsfeld 3 und hat drei Punkte: Kulturen offen begegnen, Wertschätzung vermitteln und Auszubildende bei der Entwicklung interkultureller Kompetenz unterstützen.
📘 Auf einen Blick
| Merkmal | Information |
|---|---|
| Prüfung | Ausbildereignungsprüfung nach AEVO |
| Handlungsfeld | 3 – Ausbildung durchführen (60 von 115 Unterrichtseinheiten im Rahmenplan) |
| Kompetenzbereich | 3.9 – Interkulturelle Kompetenzen fördern |
| Schriftliche Prüfung | Gelegentlich als Fall: Missverständnis oder Konflikt in einer gemischten Gruppe |
| Praktische Prüfung | Gering bis mittel: im Fachgespräch als Frage zum Umgang mit Sprachbarrieren |
| Gilt für | Alle angehenden Ausbilder, unabhängig von Beruf und Branche |
Warum ist das Thema wichtig?
Viele Betriebe finden nur noch genug Auszubildende, wenn sie auch junge Menschen mit Einwanderungsgeschichte gewinnen und halten. Missverständnisse, die aus unterschiedlichen Gewohnheiten entstehen, führen schnell zu Konflikten oder zum Abbruch, wenn niemand sie erklärt.
Umgekehrt brauchen alle Auszubildenden diese Fähigkeit für ihr Berufsleben, ganz gleich, woher sie selbst kommen: im Team, im Kundenkontakt und bei der Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern.
Was lernst du auf dieser Seite?
Nach dem Lesen dieser Seite kannst du:
- erklären, was interkulturelle Kompetenz ist und woraus sie besteht,
- typische Felder nennen, in denen sich kulturelle Prägungen unterscheiden,
- mit Sprachbarrieren in der Ausbildung umgehen,
- Wertschätzung und Toleranz im Betrieb vorleben und einfordern,
- Maßnahmen nennen, mit denen Auszubildende interkulturelle Kompetenz entwickeln.
Was ist interkulturelle Kompetenz?
Interkulturelle Kompetenz ist die Fähigkeit, mit Menschen aus anderen Kulturen respektvoll und erfolgreich zusammenzuarbeiten. Sie besteht aus vier Teilen:
| Bestandteil | Bedeutung |
|---|---|
| Wissen | Kenntnisse über andere Länder, Religionen, Gewohnheiten und über die eigene Kultur |
| Haltung | Offenheit, Neugier, Respekt, Bereitschaft, Unterschiede auszuhalten |
| Können | Zuhören, nachfragen, die Sicht des anderen einnehmen, verständlich sprechen |
| Selbstreflexion | Erkennen, dass die eigene Sicht nicht die einzig richtige ist |
1. Allen Kulturen offen begegnen
Jeder Mensch wächst mit bestimmten Selbstverständlichkeiten auf. Sie werden in der Familie, in der Schule und im Umfeld vermittelt und fallen erst auf, wenn man jemandem begegnet, der es anders gelernt hat. In diesen Feldern zeigen sich im Betrieb häufig Unterschiede:
| Feld | Mögliche Unterschiede | Mögliches Missverständnis |
|---|---|---|
| Umgang mit Vorgesetzten | Widerspruch und Nachfragen gelten als selbstverständlich oder als respektlos | Ein Auszubildender fragt nie nach und wirkt desinteressiert, will aber nur höflich sein |
| Direktheit | Kritik wird offen ausgesprochen oder nur angedeutet | Ein „Ja“ bedeutet „Ich habe zugehört“, nicht „Ich habe verstanden“ |
| Zeit und Pünktlichkeit | Feste Termine oder flexiblere Handhabung | Verspätung wird als Unzuverlässigkeit gedeutet |
| Körpersprache | Blickkontakt, Abstand, Händedruck | Gesenkter Blick wirkt unsicher, ist aber als Respekt gemeint |
| Familie und Religion | Stellenwert von Familie, Feiertagen, Speisevorschriften, Gebetszeiten | Bitte um Urlaub an einem Feiertag wird als Sonderwunsch gesehen |
| Lernen | Auswendiglernen und Zuhören oder selbstständiges Erarbeiten | Selbstständige Aufgaben überfordern am Anfang |
Wichtig ist dabei: Das sind Tendenzen, keine Regeln. Niemand ist nur Vertreter seiner Herkunft. Offen begegnen heißt deshalb vor allem, nachzufragen statt zu vermuten und Unterschiede zunächst als anders und nicht als falsch zu sehen.
Umgang mit Sprachbarrieren
- Kurze, vollständige Sätze sprechen und Dialekt vermeiden.
- Fachbegriffe erklären und aufschreiben, eine Wortliste zum Arbeitsplatz anlegen.
- Viel zeigen: Originalteile, Fotos, Piktogramme, Videos.
- Verständnis prüfen, indem der Auszubildende den Ablauf mit eigenen Worten wiedergibt. Die Frage „Hast du verstanden?“ reicht nicht.
- Sicherheitsunterweisungen besonders sorgfältig absichern, bei Bedarf mit Übersetzung.
- Sprachförderung nutzen, zum Beispiel berufsbezogene Sprachkurse oder Stützunterricht über die Assistierte Ausbildung.
2. Wertschätzung und Toleranz vermitteln
Toleranz heißt nicht, dass alles erlaubt ist. Die betrieblichen Regeln, die Sicherheitsvorschriften und die Gesetze gelten für alle gleich. Toleranz heißt, andere Lebensweisen und Überzeugungen zu respektieren, solange sie diese Regeln nicht verletzen.
Als Ausbilder gibst du die Richtung vor:
- Vorleben: Du sprichst über niemanden abfällig und behandelst alle nach denselben Maßstäben.
- Klare Grenze ziehen: Abwertende Sprüche, Ausgrenzung und Belästigung werden sofort angesprochen und nicht als Spaß durchgewinkt.
- Erklären: Du machst betriebliche Gepflogenheiten ausdrücklich, statt sie vorauszusetzen.
- Gemeinsamkeiten betonen: das gemeinsame Ziel, der gemeinsame Beruf, die gemeinsame Aufgabe.
- Konflikte klären: Bei Spannungen suchst du früh das Gespräch und unterscheidest, ob es um Kultur, um die Person oder um die Sache geht.
Rechtlich gilt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz: Niemand darf wegen seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, seines Alters oder seiner sexuellen Identität benachteiligt werden. Das gilt auch in der Berufsausbildung, von der Bewerberauswahl bis zur Übernahme.
3. Auszubildende bei der Entwicklung interkultureller Kompetenz unterstützen
Vielfalt hat viele Dimensionen: Herkunft und Sprache, Alter, Geschlecht, Religion, körperliche Voraussetzungen, Bildungsweg, Lebensform. Interkulturelle Kompetenz entsteht nicht durch einen Vortrag, sondern durch Erfahrung. Diese Maßnahmen haben sich bewährt:
| Maßnahme | Wirkung |
|---|---|
| Gemischte Teams und Projekte | Zusammenarbeit an einer gemeinsamen Aufgabe baut Vorbehalte am schnellsten ab |
| Patenschaften | Ein erfahrener Auszubildender hilft beim Ankommen, beide lernen voneinander |
| Auslandsaufenthalt | Ein Ausbildungsabschnitt im Ausland, etwa mit Förderung über ein europäisches Austauschprogramm |
| Fremdsprachen | Fachenglisch, Sprachzertifikate, Kontakt mit ausländischen Kunden |
| Perspektivwechsel | Fallbeispiele und Rollenspiele: Wie würde ich mich in einem fremden Land an meinem ersten Arbeitstag fühlen? |
| Gemeinsame Aktivitäten | Azubi-Tage, gemeinsames Essen, Vorstellen der eigenen Herkunft oder Region |
| Rücksicht im Alltag | Feiertage und Speisevorschriften bei Planung und Veranstaltungen bedenken |
Nutze die Stärken, die Auszubildende mit Einwanderungsgeschichte mitbringen: Mehrsprachigkeit und die Erfahrung, sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden, sind im Kundenkontakt und im internationalen Geschäft wertvoll.
Praxisbeispiel aus dem Kraftverkehr
In deiner Spedition beginnt ein Auszubildender zum Berufskraftfahrer, der vor vier Jahren nach Deutschland gekommen ist. Er ist höflich, pünktlich und geschickt. Der Fahrer, mit dem er unterwegs ist, beklagt sich: Der Auszubildende sage zu allem Ja, mache dann aber Fehler, und beim Händler an der Rampe rede er kaum ein Wort.
Einordnen: Im Gespräch erfährst du, dass er Nachfragen bei einem Älteren als unhöflich empfindet und sich wegen seiner Aussprache nicht traut, mit Fremden zu sprechen. Es fehlt also nicht am Willen.
Maßnahmen: Du vereinbarst mit dem Fahrer, dass der Auszubildende jeden Arbeitsauftrag kurz mit eigenen Worten wiederholt. Ihr legt eine Liste mit den wichtigsten Begriffen und Sätzen an der Rampe an. Er übernimmt zunächst die Übergabe der Papiere bei zwei Stammkunden, bei denen der Ton freundlich ist.
Stärke nutzen: Mit einem Fahrer eines ausländischen Subunternehmers, der kaum Deutsch spricht, kann er sich in seiner Muttersprache verständigen. Du bittest ihn, bei der nächsten Übergabe zu übersetzen. Für ihn ist das die erste Situation, in der er dem Betrieb etwas voraus hat.
Ergänzung: Über die Assistierte Ausbildung bekommt er Unterstützung in der Fachsprache für die Berufsschule.
🏭 So sieht das in der Fertigung aus
In einer Montagegruppe arbeiten Beschäftigte aus fünf Ländern. Eine neue Auszubildende nickt bei der Sicherheitsunterweisung zu allem und greift am nächsten Tag trotzdem in den Gefahrenbereich. Die Lösung ist dieselbe: nicht „Verstanden?“ fragen, sondern den Ablauf zeigen und von ihr vormachen und erklären lassen, Piktogramme an der Anlage nutzen, eine Kollegin als Patin bestimmen und die Unterweisung dokumentieren.
Typische Prüfungsfragen mit Antworten
Was versteht man unter interkultureller Kompetenz?
Die Fähigkeit, mit Menschen aus anderen Kulturen respektvoll und erfolgreich zusammenzuarbeiten. Dazu gehören Wissen über andere Kulturen, eine offene Haltung, kommunikatives Können und die Bereitschaft, die eigene Sicht zu hinterfragen.
Wie stellst du sicher, dass ein Auszubildender mit geringen Deutschkenntnissen eine Unterweisung verstanden hat?
Ich lasse ihn den Arbeitsgang vormachen und mit eigenen Worten erklären, nutze Bilder und Originalteile, spreche in kurzen Sätzen und erkläre Fachbegriffe. Die Frage „Hast du verstanden?“ genügt nicht.
Wie förderst du interkulturelle Kompetenz bei Auszubildenden?
Durch gemischte Teams und gemeinsame Projekte, Patenschaften, Auslandsaufenthalte, Fremdsprachenangebote, Übungen zum Perspektivwechsel und dadurch, dass ich selbst einen respektvollen Umgang vorlebe.
Welche Rolle spielt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz in der Ausbildung?
Es verbietet Benachteiligungen wegen ethnischer Herkunft, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter oder sexueller Identität. Es gilt für die Auswahl, die Durchführung der Ausbildung und die Übernahme.
Wo liegt die Grenze der Toleranz im Betrieb?
Bei den Regeln, die für alle gelten: Gesetze, Sicherheitsvorschriften und Betriebsordnung. Abwertung und Ausgrenzung anderer werden nicht geduldet, gleich von wem sie ausgehen.
Übungsaufgabe
Situation: In deiner Ausbildungsgruppe mit sechs Auszubildenden haben sich zwei Lager gebildet. Drei sprechen in den Pausen und teilweise bei der Arbeit ihre gemeinsame Muttersprache. Die anderen drei fühlen sich ausgeschlossen und machen abfällige Bemerkungen.
Aufgabe: Beschreibe vier Maßnahmen, mit denen du die Zusammenarbeit verbesserst.
Lösungsvorschlag
- Ich spreche zuerst mit beiden Gruppen getrennt und höre mir an, wie sie die Lage erleben.
- Ich stelle klar, dass abfällige Bemerkungen nicht geduldet werden, und vereinbare mit allen: Bei der Arbeit wird die gemeinsame Sprache gesprochen, damit jeder folgen kann und die Sicherheit gewährleistet ist. In den Pausen bleibt die Sprache frei.
- Ich bilde für die nächsten Aufgaben gemischte Zweierteams mit einem gemeinsamen Ergebnis.
- Ich plane ein gemeinsames Projekt oder einen Azubi-Tag, bei dem jeder etwas beiträgt.
- Ich lege einen Termin fest, an dem wir gemeinsam besprechen, was sich verändert hat.
Fünf Punkte stehen hier zur Auswahl. Wenn vier verlangt sind, schreibst du vier.
Bedeutung für die praktische Prüfung
In der praktischen Prüfung kannst du diesen Kompetenzbereich einbauen, indem du in deinem Konzept die Voraussetzungen des Auszubildenden beschreibst, etwa seine Sprachkenntnisse, und deine Methoden- und Medienwahl darauf abstimmst. Im Fachgespräch kann gefragt werden, wie du vorgehst, wenn der Auszubildende die Fachsprache noch nicht sicher beherrscht.
Verwandte Themen
➡️ Handlungsfeld 3 – Ausbildung durchführen
➡️ Entwicklung fördern und Konflikte lösen (3.7)
➡️ Lernkultur, Motivation und Feedback (3.1)
➡️ Lernschwierigkeiten erkennen und unterstützen (3.5)
➡️ Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) im Wortlaut
Fazit
Interkulturelle Kompetenz besteht aus Wissen, Haltung, Können und Selbstreflexion. Du förderst sie, indem du Unterschiede erklärst statt bewertest, nachfragst statt vermutest, klare Regeln für alle setzt und Auszubildende in gemischten Teams an gemeinsamen Aufgaben arbeiten lässt.
Für die Prüfung solltest du Maßnahmen zur Förderung nennen und beschreiben können, wie du trotz Sprachbarrieren sicherstellst, dass eine Unterweisung verstanden wurde.
