Auszubildende lernen am meisten, wenn sie an echten Aufgaben aus dem Betrieb arbeiten. Deine Aufgabe als Ausbilder ist es, aus diesen Aufgaben Lern- und Arbeitsaufgaben zu machen und für jede klare Lernziele zu formulieren. Das Thema gehört zum Handlungsfeld 3 „Ausbildung durchführen“ der Ausbildereignungsprüfung (AEVO) und steht im Rahmenplan unter der Nummer 3.3.
Auf dieser Seite gehe ich die sechs Punkte dieses Kompetenzbereichs durch. Der wichtigste für die Prüfung ist die Formulierung von Lernzielen: Ohne Lernziel kannst du weder eine Methode begründen noch den Erfolg kontrollieren.
📘 Auf einen Blick
| Merkmal | Information |
|---|---|
| Prüfung | Ausbildereignungsprüfung nach AEVO |
| Handlungsfeld | 3 – Ausbildung durchführen (60 von 115 Unterrichtseinheiten im Rahmenplan) |
| Kompetenzbereich | 3.3 – Aus dem betrieblichen Ausbildungsplan und den berufstypischen Arbeits- und Geschäftsprozessen betriebliche Lern- und Arbeitsaufgaben entwickeln und gestalten |
| Schriftliche Prüfung | Häufig: Lernzielbereiche zuordnen, Lernziele formulieren, vollständige Handlung |
| Praktische Prüfung | Sehr hoch: Jede Ausbildungssituation braucht ein überprüfbares Lernziel, im Fachgespräch wird danach gefragt |
| Gilt für | Alle angehenden Ausbilder, unabhängig von Beruf und Branche |
Warum ist das Thema wichtig?
Der Ausbildungsrahmenplan sagt, was ein Auszubildender am Ende können muss. Er sagt nicht, an welchen Aufgaben er es in deinem Betrieb lernt. Diese Übersetzung leistest du: Du suchst im Betriebsalltag passende Aufträge, schneidest sie auf den Ausbildungsstand zu und legst fest, was genau daran gelernt werden soll.
Das Lernziel ist dabei dein Maßstab. An ihm richtest du Methode, Medien, Zeitbedarf und Erfolgskontrolle aus.
Was lernst du auf dieser Seite?
Nach dem Lesen dieser Seite kannst du:
- erklären, warum in Arbeits- und Geschäftsprozessen gelernt wird,
- berufliche Handlungskompetenz in ihre vier Teile gliedern,
- einen Arbeitsauftrag auf seinen Lerngehalt untersuchen,
- Lernziele nach Art, Bereich und Stufe unterscheiden,
- ein Feinlernziel überprüfbar formulieren,
- Aufgaben an den einzelnen Auszubildenden anpassen,
- Nachhaltigkeit und Veränderungen der Arbeitswelt in Aufgaben einbauen.
1. Lernen in Arbeits- und Geschäftsprozessen
Ziel der Berufsausbildung ist die berufliche Handlungsfähigkeit: Der Auszubildende soll am Ende berufliche Aufgaben selbstständig planen, durchführen und kontrollieren können. Sie setzt sich aus vier Kompetenzen zusammen.
| Kompetenz | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Fachkompetenz | Wissen und Können des Berufs | Ein Bauteil fachgerecht montieren, eine Rechnung prüfen |
| Methodenkompetenz | Planvoll vorgehen, Informationen beschaffen, Probleme lösen | Arbeitsschritte planen, im Handbuch nachschlagen |
| Sozialkompetenz | Mit anderen zusammenarbeiten und kommunizieren | Sich im Team abstimmen, mit Kunden sprechen |
| Selbstkompetenz | Verantwortung übernehmen, sich selbst einschätzen und weiterentwickeln | Zuverlässig arbeiten, eigene Fehler erkennen |
Diese Kompetenzen entstehen nicht im Schulungsraum, sondern beim Arbeiten an echten Aufträgen. Deshalb sollen Auszubildende möglichst früh in die berufstypischen Abläufe eingebunden werden, also in den Weg eines Auftrags vom Eingang bis zur Auslieferung oder Abrechnung.
2. Lerninhalte aus Arbeits- und Geschäftsprozessen ableiten
Nicht jeder Auftrag eignet sich zum Lernen. Mit diesen Fragen prüfst du, was in einer Arbeitsaufgabe steckt:
- Welche Position des Ausbildungsrahmenplans deckt die Aufgabe ab?
- Welche Kenntnisse und Fertigkeiten braucht der Auszubildende dafür, welche hat er schon?
- Ist die Aufgabe überschaubar, aber vollständig, sodass er sie von Anfang bis Ende bearbeiten kann?
- Welche Gefahren und welche Folgen eines Fehlers gibt es?
- Wie viel Zeit steht zur Verfügung, und wer betreut?
Leitbild ist das Modell der vollständigen Handlung. Eine gute Lern- und Arbeitsaufgabe enthält alle sechs Schritte:
- Informieren: Was ist zu tun, was brauche ich dafür?
- Planen: In welcher Reihenfolge und mit welchen Mitteln gehe ich vor?
- Entscheiden: Den Plan mit dem Ausbilder besprechen und festlegen.
- Ausführen: Die Aufgabe selbstständig bearbeiten.
- Kontrollieren: Das Ergebnis selbst prüfen.
- Bewerten: Gemeinsam auswerten, was gut lief und was besser geht.
Eine wirksame Ergänzung ist Lernen durch Lehren: Ein Auszubildender aus einem höheren Jahr erklärt einem jüngeren eine Aufgabe. Wer etwas erklären muss, durchdringt es selbst gründlicher.
3. Lernziele ableiten und formulieren
Ein Lernziel beschreibt, was der Auszubildende nach der Lerneinheit können soll. Es beschreibt nicht, was du als Ausbilder tust.
Lernzielarten: vom Allgemeinen zum Konkreten
| Art | Genauigkeit | Wo zu finden | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Richtlernziel | Sehr allgemein | Ausbildungsberufsbild | Fahrzeuge warten und pflegen |
| Groblernziel | Mittel | Ausbildungsrahmenplan | Betriebsflüssigkeiten prüfen und ergänzen |
| Feinlernziel | Genau und überprüfbar | Von dir für die einzelne Lerneinheit formuliert | Der Auszubildende prüft den Motorölstand am kalten Motor mit dem Messstab und füllt bei Bedarf das vorgeschriebene Öl bis zur Markierung nach. |
Lernzielbereiche
| Bereich | Es geht um | Merkhilfe | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Kognitiv | Wissen und Verstehen | Kopf | Die Bestandteile eines Ausbildungsvertrags nennen |
| Psychomotorisch | Fertigkeiten, Handgriffe | Hand | Einen Reifen fachgerecht wechseln |
| Affektiv | Einstellungen, Werte, Verhalten | Herz | Sicherheitsvorschriften aus Überzeugung einhalten |
Fast jede Aufgabe berührt mehrere Bereiche. In der Prüfung nennst du den Bereich, der überwiegt, und begründest ihn.
Lernzielstufen
| Stufe | Der Auszubildende kann … | Typische Verben |
|---|---|---|
| 1. Wiedergeben (Reproduktion) | Gelerntes aus dem Gedächtnis nennen | nennen, aufzählen, beschreiben |
| 2. Verstehen (Reorganisation) | Gelerntes mit eigenen Worten erklären und ordnen | erklären, erläutern, unterscheiden |
| 3. Anwenden (Transfer) | Gelerntes auf eine ähnliche, neue Aufgabe übertragen | durchführen, berechnen, anwenden |
| 4. Probleme lösen (Problemlösung) | Für eine unbekannte Aufgabe selbst einen Lösungsweg finden | entwickeln, beurteilen, planen |
Ein Feinlernziel richtig formulieren
Ein überprüfbares Feinlernziel hat drei Bestandteile:
- Endverhalten: eine beobachtbare Tätigkeit mit einem eindeutigen Verb.
- Bedingungen: womit, woran und unter welchen Umständen.
- Maßstab: woran du erkennst, dass es gut genug ist, zum Beispiel Zeit, Genauigkeit oder Fehlerfreiheit.
| Ungeeignet | Besser |
|---|---|
| Der Auszubildende soll die Ladungssicherung kennenlernen. | Der Auszubildende sichert eine Palette auf der Ladefläche mit zwei Zurrgurten im Niederzurrverfahren selbstständig und fehlerfrei. |
| Ich zeige dem Auszubildenden das Messen. | Der Auszubildende misst mit dem Messschieber den Außendurchmesser eines Drehteils auf ein Zehntel Millimeter genau. |
| Der Auszubildende versteht die Rechnungsprüfung. | Der Auszubildende prüft eine Eingangsrechnung anhand von Bestellung und Lieferschein auf sachliche und rechnerische Richtigkeit. |
Vermeide Verben wie „kennen“, „wissen“, „verstehen“ oder „vertraut sein mit“. Man kann sie nicht beobachten. Nimm stattdessen Verben wie „nennen“, „erklären“, „prüfen“, „montieren“ oder „berechnen“.
Für die Planung hilft außerdem der Blick auf drei Größen, die immer zusammengehören: der Auszubildende mit seinen Voraussetzungen, der Lerninhalt und du als Ausbilder mit Methode und Medien. Ändert sich eine davon, musst du die anderen anpassen.
4. Zum nachhaltigen Handeln anleiten
Nachhaltigkeit gehört seit August 2021 zu den Standardberufsbildpositionen. Sie sind in allen seither neu geordneten Ausbildungsberufen verbindlich und werden für die übrigen empfohlen. Das Thema gehört deshalb auch in deine Lernaufgaben. Gemeint sind drei Seiten: Umwelt, Wirtschaftlichkeit und soziale Verantwortung. Baue sie dort ein, wo sie in der Arbeit ohnehin vorkommen:
- Material und Energie sparsam einsetzen, Ausschuss vermeiden,
- Abfälle trennen und Gefahrstoffe richtig entsorgen,
- Arbeitsmittel pflegen, statt sie vorzeitig zu ersetzen,
- Wege und Abläufe so planen, dass nichts doppelt gemacht wird,
- auf die eigene Gesundheit und die der Kollegen achten.
Am wirksamsten ist die Frage in der Auswertung: „Wo hätten wir bei diesem Auftrag Material, Energie oder Zeit sparen können?“
5. Aufgaben an den einzelnen Auszubildenden anpassen
Dieselbe Aufgabe kann für den einen zu leicht und für den anderen zu schwer sein. Du passt sie an, indem du an diesen Stellschrauben drehst:
| Stellschraube | Für Stärkere | Für Schwächere |
|---|---|---|
| Umfang | Ganze Aufgabe mit Planung und Kontrolle | Teilaufgaben, die aufeinander aufbauen |
| Hilfen | Nur das Ziel vorgeben | Leitfragen, Checkliste, Musterlösung eines Teilschritts |
| Zeit | Zeitvorgabe wie im Betrieb | Mehr Zeit, zusätzliche Übungsdurchgänge |
| Betreuung | Auswertung am Ende | Zwischenbesprechungen nach jedem Schritt |
| Zusatz | Sonderfall oder Störung einbauen, anderen etwas erklären lassen | Wiederholung an einem zweiten, ähnlichen Beispiel |
6. Auf Veränderungen der Arbeitswelt vorbereiten
Neue Technik, neue Software, andere Arbeitsorganisation: Auszubildende erleben Veränderungen von Anfang an mit. Der Rahmenplan verlangt, dass du sie darauf vorbereitest und sie Veränderungen mitgestalten lässt. Geeignet sind Aufgaben wie diese:
- Einen Arbeitsablauf aufnehmen und einen Verbesserungsvorschlag ausarbeiten.
- Bei der Einführung eines neuen Geräts oder Programms mitarbeiten und die Kollegen einweisen.
- Altes und neues Verfahren vergleichen: Was wird besser, was fällt weg, was muss man neu lernen?
- Nach einem Auftrag festhalten, was sich gegenüber dem letzten Mal geändert hat.
Praxisbeispiel aus dem Kraftverkehr
Ein Berufskraftfahrer im zweiten Ausbildungsjahr soll lernen, eine Tour im Nahverkehr selbstständig vorzubereiten. Der reale Auftrag: acht Abladestellen im Stadtgebiet, gemischte Palettenware.
Lernziel: Der Auszubildende plant die Reihenfolge der acht Abladestellen so, dass Lenk- und Ruhezeiten sowie die Anlieferzeiten der Kunden eingehalten werden, und legt die Beladereihenfolge passend fest. Das Ziel ist überwiegend kognitiv, auf der Stufe Anwenden.
Vollständige Handlung: Er informiert sich anhand der Lieferscheine und Zeitfenster, plant Route und Beladung und stellt dir den Plan vor. Nach deiner Freigabe belädt er mit dem Fahrer und fährt die Tour mit. Am Abend vergleicht er Plan und tatsächlichen Verlauf.
Nachhaltigkeit: In der Auswertung fragst du, wie viele Kilometer und wie viel Kraftstoff eine andere Reihenfolge gespart hätte.
Anpassung: Für einen schwächeren Auszubildenden gibst du die Reihenfolge der ersten vier Abladestellen vor. Ein stärkerer bekommt zusätzlich eine kurzfristige Änderung: Ein Kunde nimmt erst ab 14 Uhr an.
🏭 So sieht das in der Fertigung aus
Eine Industriemechanikerin im zweiten Jahr bekommt den Auftrag, eine Vorrichtung aus fünf Einzelteilen zu fertigen. Lernziel: Sie erstellt anhand der Zeichnung einen Arbeitsplan mit Reihenfolge, Werkzeugen und Prüfmitteln und fertigt die Teile innerhalb der Toleranzen. Sie plant, stellt den Plan vor, fertigt, prüft mit dem Messprotokoll und wertet mit dir aus. Die Frage zur Nachhaltigkeit lautet hier: Wie ließe sich der Zuschnitt so legen, dass weniger Verschnitt entsteht?
Typische Prüfungsfragen mit Antworten
Welche drei Lernzielbereiche gibt es?
Kognitiv (Wissen und Verstehen), psychomotorisch (Fertigkeiten) und affektiv (Einstellungen und Verhalten). Die Merkhilfe lautet Kopf, Hand und Herz.
Was unterscheidet Richt-, Grob- und Feinlernziel?
Den Grad der Genauigkeit. Das Richtlernziel ist allgemein und steht im Ausbildungsberufsbild, das Groblernziel steht im Ausbildungsrahmenplan, das Feinlernziel formuliert der Ausbilder überprüfbar für die einzelne Lerneinheit.
Welche Bestandteile hat ein überprüfbares Feinlernziel?
Das beobachtbare Endverhalten, die Bedingungen, unter denen es gezeigt wird, und den Maßstab, an dem es gemessen wird.
Wie heißen die sechs Schritte der vollständigen Handlung?
Informieren, Planen, Entscheiden, Ausführen, Kontrollieren, Bewerten.
Aus welchen Teilen besteht die berufliche Handlungskompetenz?
Aus Fachkompetenz, Methodenkompetenz, Sozialkompetenz und Selbstkompetenz.
Warum sollen Auszubildende an echten Arbeitsaufträgen lernen?
Weil dort alle Kompetenzen zusammen gebraucht werden, der Sinn der Arbeit erkennbar ist und das Gelernte sofort angewendet wird. Das steigert Motivation und Transfer.
Übungsaufgabe
Situation: Du willst einer Auszubildenden im ersten Ausbildungsjahr beibringen, einen Feuerlöscher im Brandfall richtig einzusetzen. Dein Kollege schlägt als Lernziel vor: „Die Auszubildende soll den Feuerlöscher kennenlernen.“
Aufgabe: a) Erkläre, warum dieses Lernziel ungeeignet ist. b) Formuliere ein überprüfbares Feinlernziel. c) Ordne es einem Lernzielbereich zu und begründe.
Lösungsvorschlag
a) „Kennenlernen“ ist kein beobachtbares Verhalten. Es fehlen außerdem Bedingungen und Maßstab. Niemand kann am Ende feststellen, ob das Ziel erreicht wurde.
b) Die Auszubildende nimmt einen Pulverlöscher aus der Halterung, macht ihn einsatzbereit und löscht ein Übungsfeuer in der richtigen Reihenfolge der Handgriffe und mit dem Wind im Rücken.
c) Überwiegend psychomotorisch, weil es um das sichere Ausführen von Handgriffen geht. Einen kognitiven Anteil gibt es auch, etwa das Wissen über Brandklassen.
Bedeutung für die praktische Prüfung
Dein Konzept für die praktische Prüfung steht und fällt mit dem Lernziel. Die Prüfer fragen im Fachgespräch fast immer danach:
- Wie lautet dein Feinlernziel, und woran überprüfst du es?
- Zu welchem Lernzielbereich gehört es?
- Wo steht das Thema im Ausbildungsrahmenplan?
- Warum hast du gerade diese Aufgabe für diesen Auszubildenden gewählt?
Schreibe dein Feinlernziel deshalb wörtlich in das Konzept und lerne es auswendig.
Verwandte Themen
➡️ Handlungsfeld 3 – Ausbildung durchführen
➡️ Ausbildungsmethoden und -medien (3.4)
➡️ Lernkultur, Motivation und Feedback (3.1)
➡️ Leistungen feststellen und bewerten (3.8)
➡️ Ausbilder-Eignungsverordnung (AEVO) im Wortlaut
Fazit
Gute Ausbildung findet an echten Aufträgen statt. Du wählst sie aus, schneidest sie auf den Auszubildenden zu und legst mit einem Feinlernziel fest, was er am Ende können soll: beobachtbares Verhalten, Bedingungen, Maßstab.
Für die Prüfung brauchst du die drei Lernzielbereiche, die drei Lernzielarten, die sechs Schritte der vollständigen Handlung und die vier Teile der Handlungskompetenz sicher. Und du musst ein Lernziel so formulieren können, dass man es überprüfen kann.
