Ob ein Auszubildender gern und erfolgreich lernt, hängt nicht nur von ihm selbst ab. Du als Ausbilder prägst die Lernkultur im Betrieb: durch den Rahmen, den du setzt, durch deine Haltung und durch die Art, wie du Rückmeldung gibst. Das Thema gehört zum Handlungsfeld 3 „Ausbildung durchführen“ der Ausbildereignungsprüfung (AEVO) und steht im Rahmenplan unter der Nummer 3.1.
Dieser Kompetenzbereich ist der umfangreichste im ganzen Handlungsfeld. Er hat neun Punkte, die ich auf dieser Seite der Reihe nach durchgehe: von den Voraussetzungen des Auszubildenden über Motivation und Lerntechniken bis zum Feedback.
📘 Auf einen Blick
| Merkmal | Information |
|---|---|
| Prüfung | Ausbildereignungsprüfung nach AEVO |
| Handlungsfeld | 3 – Ausbildung durchführen (60 von 115 Unterrichtseinheiten im Rahmenplan) |
| Kompetenzbereich | 3.1 – Lernförderliche Bedingungen und eine motivierende Lernkultur schaffen, Rückmeldungen geben und empfangen |
| Schriftliche Prüfung | Fallbezogene Aufgaben, oft zu Motivation, Lernbedingungen und Feedbackregeln |
| Praktische Prüfung | Hoch: Motivation zu Beginn, Aktivierung des Auszubildenden und Rückmeldung am Ende gehören in jede Ausbildungssituation |
| Gilt für | Alle angehenden Ausbilder, unabhängig von Beruf und Branche |
Warum ist eine gute Lernkultur wichtig?
Fachlich gute Unterweisungen laufen ins Leere, wenn der Auszubildende müde, verunsichert oder gelangweilt ist. Lernen braucht einen Rahmen, in dem Fehler erlaubt sind, Fragen willkommen sind und Fortschritte bemerkt werden. Diesen Rahmen nennt man Lernkultur.
Dazu kommt ein Wandel der Ausbilderrolle. Du sollst nicht mehr nur Wissen weitergeben, sondern Auszubildende dazu bringen, selbstständig zu lernen. Wer das versteht, hat einen großen Teil des Handlungsfelds 3 verstanden.
Was lernst du auf dieser Seite?
Nach dem Lesen dieser Seite kannst du:
- die Lernvoraussetzungen eines Auszubildenden einschätzen,
- lernförderliche Rahmenbedingungen beschreiben,
- erklären, wie selbst gesteuertes Lernen entsteht,
- deine Rolle als Lernprozessbegleiter beschreiben,
- die didaktischen Prinzipien nennen und anwenden,
- Auszubildende motivieren und Ziele mit ihnen vereinbaren,
- Lern- und Arbeitstechniken vermitteln,
- Feedback nach festen Regeln geben und annehmen.
1. Die Voraussetzungen des Auszubildenden berücksichtigen
Kein Auszubildender fängt bei null an, und keine zwei fangen am selben Punkt an. Bevor du eine Lernsituation planst, klärst du, was dein Gegenüber mitbringt.
| Voraussetzung | Leitfrage | Folge für dich |
|---|---|---|
| Schulische Vorbildung | Welcher Abschluss, welche Stärken und Lücken? | Tempo und Anspruch anpassen, Grundlagen bei Bedarf wiederholen |
| Alter und Reife | Jugendlicher oder Erwachsener? | Mehr Führung bei Jüngeren, mehr Eigenverantwortung bei Älteren |
| Sprache | Wie sicher ist das Deutsch, auch die Fachsprache? | Einfache Sätze, Fachbegriffe erklären, viel zeigen |
| Vorerfahrung | Praktikum, Ferienjob, abgebrochene Ausbildung, Studium? | Auf Bekanntem aufbauen, Unterforderung vermeiden |
| Motivation und Interessen | Warum hat er diesen Beruf gewählt? | An Interessen anknüpfen, Sinn der Aufgabe erklären |
| Lernverhalten | Lernt er lieber durch Lesen, Zuhören, Zusehen oder Ausprobieren? | Verschiedene Zugänge anbieten |
Unterschiedliche Auszubildende in einer Gruppe nennt der Rahmenplan heterogene Zielgruppe. Das ist nicht nur eine Schwierigkeit, sondern auch eine Chance: Stärkere können Schwächeren etwas erklären und festigen dabei ihr eigenes Wissen.
2. Lernförderliche Rahmenbedingungen schaffen
| Bereich | Worauf du achtest |
|---|---|
| Organisatorisch | Klare Zuständigkeiten, fester Ansprechpartner, Ausbildungsplan bekannt, Material und Werkzeug vorhanden |
| Räumlich | Ruhiger, heller, sicherer Lernplatz, wenig Störungen, bei Online-Lernen funktionierende Technik |
| Zeitlich | Genug Zeit zum Üben, schwierige Inhalte in leistungsstarke Tageszeiten legen, Pausen einhalten |
| Persönlich | Vorbild sein, Informationen offen weitergeben, Leistungen anerkennen, Fehler als Lerngelegenheit behandeln |
Die Tagesleistungskurve
Die Leistungsfähigkeit schwankt im Tagesverlauf. Bei den meisten Menschen liegt das Hoch am Vormittag, nach dem Mittagessen folgt ein Tief, am späten Nachmittag steigt die Kurve noch einmal leicht an. Für die Ausbildung heißt das: Neues und Schwieriges gehört in den Vormittag, Üben und Routinearbeiten passen in den frühen Nachmittag.
Ermüdung, Erholung und Pausen
Mehrere kurze Pausen erholen besser als eine lange, weil die Erholung am Anfang einer Pause am stärksten ist. Für Jugendliche schreibt das Jugendarbeitsschutzgesetz Ruhepausen vor: mindestens 30 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als viereinhalb bis sechs Stunden und mindestens 60 Minuten bei mehr als sechs Stunden.
3. Selbst gesteuertes Lernen unterstützen
Selbst gesteuert lernt, wer sich selbst Ziele setzt, den Weg dorthin plant und das Ergebnis überprüft. Das kann am Anfang kaum ein Auszubildender. Deine Aufgabe ist es, ihn Schritt für Schritt dorthin zu führen.
Dafür hilft es zu wissen, wie Lernen funktioniert. Informationen gelangen über die Sinne ins Ultrakurzzeitgedächtnis, von dort bei Aufmerksamkeit ins Kurzzeitgedächtnis und erst durch Wiederholen, Anwenden und Verknüpfen ins Langzeitgedächtnis. Daraus folgt:
- Wecke zuerst Aufmerksamkeit, sonst kommt nichts an.
- Vermittle wenig auf einmal, das Kurzzeitgedächtnis fasst nur wenige Einheiten.
- Lass wiederholen und anwenden, am besten in Abständen.
- Knüpfe an Bekanntes an und sprich mehrere Sinne an.
Menschen bevorzugen unterschiedliche Zugänge: lesen und sehen, hören, anfassen und ausprobieren, darüber sprechen. Am besten behält man, was man selbst getan und anderen erklärt hat.
4. Vom Unterweiser zum Lernprozessbegleiter
| Unterweiser | Lernprozessbegleiter | |
|---|---|---|
| Rolle | Zeigt und erklärt | Berät, beobachtet, unterstützt |
| Auszubildender | Hört zu und macht nach | Plant, handelt und kontrolliert selbst |
| Fehler | Werden sofort korrigiert | Werden gemeinsam ausgewertet |
| Typische Methode | Vier-Stufen-Methode | Leittext, Arbeitsauftrag, Projekt |
| Ziel | Fertigkeit beherrschen | Berufliche Handlungskompetenz |
Beide Rollen haben ihre Berechtigung. Bei sicherheitsrelevanten Handgriffen und bei Anfängern unterweist du. Je weiter die Ausbildung fortschreitet, desto mehr begleitest du.
5. Die didaktischen Prinzipien
| Prinzip | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Zielklarheit | Der Auszubildende weiß, was er am Ende können soll | Lernziel zu Beginn nennen |
| Aktivität | Er tut selbst etwas, statt nur zuzuhören | Nachmachen, erklären lassen, selbst planen |
| Anschaulichkeit | Inhalte werden sichtbar und greifbar | Am Originalteil zeigen, Skizze, Modell |
| Praxisnähe | Bezug zur echten Arbeit | Aufgaben aus dem Betriebsalltag |
| Individualisierung | Tempo und Anspruch passen zur Person | Zusatzaufgaben für Schnelle, Hilfen für Langsamere |
| Erfolgssicherung | Gelerntes wird gefestigt und überprüft | Wiederholen, üben, Lernerfolgskontrolle |
Dazu kommen die bekannten Faustregeln: vom Leichten zum Schweren, vom Bekannten zum Unbekannten, vom Einfachen zum Zusammengesetzten.
6. Ziele vereinbaren, motivieren, Transfer sichern
Eigenmotivation (intrinsisch) kommt aus der Sache selbst: Der Auszubildende will etwas können, weil es ihn interessiert. Fremdmotivation (extrinsisch) kommt von außen: Lob, Noten, Prämien, aber auch Druck. Eigenmotivation hält länger. Du förderst sie, indem du
- den Sinn einer Aufgabe erklärst,
- Aufgaben stellst, die fordern, aber lösbar sind,
- Verantwortung überträgst,
- Erfolge sichtbar machst und anerkennst,
- Interesse am Menschen zeigst.
Mit Zielvereinbarungen machst du Lernfortschritte planbar. Ein gutes Ziel ist konkret, überprüfbar, erreichbar und hat einen Termin. Besprecht das Ziel gemeinsam, haltet es fest und kommt zum vereinbarten Zeitpunkt darauf zurück.
Transfersicherung heißt: Der Auszubildende kann das Gelernte auch in einer neuen Situation anwenden. Dazu lässt du ihn die Aufgabe an anderen Beispielen wiederholen, verknüpfst Betrieb und Berufsschule und fragst nach einiger Zeit noch einmal nach.
7. Lern- und Arbeitstechniken vermitteln
| Technik | Wofür sie hilft |
|---|---|
| Mindmap | Ein Thema ordnen und Zusammenhänge sichtbar machen |
| Lernkartei | Fachbegriffe und Fakten in Abständen wiederholen |
| Lerntagebuch | Festhalten, was gelernt wurde und was noch unklar ist |
| Lern-Apps und Lernvideos | Zeitlich unabhängig wiederholen und üben |
| Zeit- und Wochenplan | Lernzeiten vor Klassenarbeiten und Prüfungen einteilen |
| Markieren und Zusammenfassen | Aus Fachtexten das Wesentliche herausziehen |
8. Lernergebnisse reflektieren
Reflexion bedeutet, dass der Auszubildende selbst einschätzt, was er kann und woran er noch arbeiten muss. Hilfsmittel dafür sind der Ausbildungsnachweis, auch in digitaler Form, Selbsteinschätzungsbögen, Lernplattformen mit Fortschrittsanzeige und das regelmäßige Reflexionsgespräch. Lass zuerst den Auszubildenden einschätzen und ergänze erst dann deine Sicht. So lernt er, seine Leistung realistisch zu beurteilen.
9. Rückmeldungen geben und annehmen
Ohne Feedback weiß der Auszubildende nicht, wo er steht. Feedback gehört deshalb nicht nur in das Beurteilungsgespräch, sondern in den Alltag.
Regeln für das Geben von Feedback
- Zeitnah: möglichst bald nach der Situation.
- Unter vier Augen: Kritik nicht vor anderen.
- Konkret: eine beobachtete Situation beschreiben, nicht verallgemeinern.
- Beschreibend statt wertend: das Verhalten ansprechen, nicht die Person.
- In der Ich-Form: „Mir ist aufgefallen …“ statt „Du machst immer …“.
- Positives zuerst und ehrlich: Gelungenes benennen, Kritik nicht verstecken.
- Mit Blick nach vorn: gemeinsam festhalten, was beim nächsten Mal anders läuft.
Regeln für das Annehmen von Feedback
- Zuhören und ausreden lassen.
- Nicht rechtfertigen oder verteidigen.
- Nachfragen, wenn etwas unklar ist.
- Sich bedanken und selbst entscheiden, was man ändert.
Feedback läuft in beide Richtungen. Frage deine Auszubildenden regelmäßig, wie sie die Ausbildung erleben. Das zeigt Wertschätzung und liefert dir Hinweise, was du besser machen kannst.
Praxisbeispiel aus dem Kraftverkehr
Ein Berufskraftfahrer im zweiten Ausbildungsjahr soll das Rangieren mit dem Sattelzug an die Laderampe üben. Beim letzten Versuch brauchte er mehrere Anläufe und war danach sichtlich niedergeschlagen.
Rahmen: Du legst die Übung auf den Vormittag, wenn der Hof ruhig ist, und sperrst eine Rampe für eine Stunde. Niemand schaut zu.
Ziel: Ihr vereinbart: „Bis Freitag setzt du den Sattelzug mit höchstens zwei Korrekturzügen an Rampe 3 an.“ Das Ziel ist konkret, überprüfbar und erreichbar.
Begleitung: Du erklärst nicht noch einmal alles, sondern lässt ihn zuerst selbst beschreiben, was beim letzten Mal schiefging. Dann übt er, und du greifst nur ein, wenn es gefährlich wird.
Feedback: Direkt danach, auf dem Hof, unter vier Augen: „Mir ist aufgefallen, dass du diesmal früher eingelenkt hast, dadurch stand der Auflieger gleich gerade. Beim Blick in den rechten Spiegel warst du noch zögerlich. Was nimmst du dir für morgen vor?“
🏭 So sieht das in der Fertigung aus
Eine Zerspanungsmechanikerin im zweiten Jahr soll eine CNC-Maschine selbstständig einrichten und hat beim letzten Mal einen Werkzeugbruch verursacht. Du planst die Übung für den Vormittag an einer Maschine ohne Termindruck, vereinbarst ein konkretes Ziel („bis Donnerstag drei Rüstvorgänge ohne Nachfrage“), lässt sie den Ablauf zuerst selbst erklären und gibst direkt danach eine beschreibende Rückmeldung mit einer Verabredung für den nächsten Schritt.
Typische Prüfungsfragen mit Antworten
Was unterscheidet Eigenmotivation von Fremdmotivation?
Eigenmotivation entsteht aus Interesse an der Sache, Fremdmotivation durch Anreize von außen wie Lob, Noten oder Prämien. Eigenmotivation wirkt nachhaltiger, weil sie nicht vom Anreiz abhängt.
Welche Regeln gelten für ein Feedback an Auszubildende?
Zeitnah, unter vier Augen, konkret, beschreibend statt wertend, in der Ich-Form, mit positiven Punkten und mit einer Vereinbarung für die Zukunft.
Welche didaktischen Prinzipien kennst du?
Zielklarheit, Aktivität, Anschaulichkeit, Praxisnähe, Individualisierung und Erfolgssicherung. Nenne in der Prüfung zu jedem Prinzip ein kurzes Beispiel.
Warum legst du schwierige Lerninhalte in den Vormittag?
Weil die Leistungsfähigkeit nach der Tagesleistungskurve am Vormittag am höchsten ist. Nach dem Mittagessen folgt ein Leistungstief, in das eher Übungen und Routinearbeiten passen.
Was bedeutet der Rollenwandel vom Unterweiser zum Lernprozessbegleiter?
Der Ausbilder gibt weniger vor und begleitet mehr. Der Auszubildende plant, handelt und kontrolliert selbst, der Ausbilder berät, beobachtet und wertet mit ihm aus. Ziel ist die berufliche Handlungskompetenz.
Wie förderst du selbst gesteuertes Lernen?
Durch Aufgaben, die der Auszubildende selbst planen muss, durch Lern- und Arbeitstechniken, durch schrittweise mehr Verantwortung und durch regelmäßige Reflexion der Ergebnisse.
Übungsaufgabe
Situation: Eine Auszubildende im ersten Ausbildungsjahr arbeitet sorgfältig, stellt aber kaum Fragen und wirkt seit einigen Wochen lustlos. Ihr Ausbildungsbeauftragter in der Abteilung korrigiert Fehler meist laut vor den Kollegen.
Aufgabe: Beschreibe vier Maßnahmen, mit denen du die Lernbedingungen und die Motivation der Auszubildenden verbesserst.
Lösungsvorschlag
- Ich führe mit der Auszubildenden ein Gespräch unter vier Augen und frage, wie sie die Ausbildung erlebt und was sie bremst.
- Ich spreche mit dem Ausbildungsbeauftragten über Feedbackregeln: Kritik zeitnah, konkret und nie vor anderen.
- Ich übertrage ihr eine überschaubare Aufgabe in eigener Verantwortung und vereinbare dazu ein konkretes, erreichbares Ziel.
- Ich erkenne gelungene Arbeit ausdrücklich an und mache Fortschritte im Ausbildungsnachweis sichtbar.
- Ich lege einen festen Termin für ein kurzes Reflexionsgespräch alle zwei Wochen fest.
Fünf Punkte stehen hier zur Auswahl. Wenn vier verlangt sind, schreibst du vier.
Bedeutung für die praktische Prüfung
In jeder Ausbildungssituation, die du präsentierst oder durchführst, achten die Prüfer auf diesen Kompetenzbereich: Nennst du das Lernziel? Weckst du Interesse? Ist der Auszubildende aktiv? Gibst du am Ende eine Rückmeldung nach den Feedbackregeln? Im Fachgespräch kann gefragt werden, wie du einen unmotivierten Auszubildenden erreichst oder warum du die Unterweisung auf eine bestimmte Tageszeit gelegt hast.
Verwandte Themen
➡️ Handlungsfeld 3 – Ausbildung durchführen
➡️ Lernziele und Arbeitsaufgaben (3.3)
➡️ Ausbildungsmethoden und -medien (3.4)
➡️ Leistungen feststellen und bewerten (3.8)
➡️ Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG) im Wortlaut
Fazit
Eine gute Lernkultur entsteht aus vielen kleinen Dingen: Du kennst die Voraussetzungen deines Auszubildenden, sorgst für einen passenden Rahmen, nennst Ziele, lässt ihn selbst handeln und gibst faire Rückmeldung. Je weiter die Ausbildung fortschreitet, desto mehr wirst du vom Unterweiser zum Lernprozessbegleiter.
Für die Prüfung solltest du die didaktischen Prinzipien, die beiden Arten der Motivation und die Feedbackregeln sicher nennen und an einem Beispiel anwenden können.
